Freitag, 18. Januar 2013
klauspfrommer, 18:43h
Verspielte Träume
1. Kapitel
Bereits seit ein paar Wochen war Anitas Freundin Elke wieder aus Freiburg zurück. Die Frau hatte in der Nähe Arbeit gefunden.
Dies sei der Grund, warum sie wieder zurück gekommen sei, gab sie an. Das stimmte aber nicht. Eine enttäuschte Liebe war der wahre Grund für ihre Rückkehr. Das verriet die Blonde aber nicht. Zumindest zu diesem Zeitpunkt wollte sie nicht darüber reden. Es war für sie immer noch zu schmerzlich. Es wäre gut gewesen darüber zu sprechen. Sie konnte es aber nicht.
Die Freundinnen hatten sich vermisst, obwohl sie sich regelmäßig geschrieben hatten.
Heute hatten sie sich endlich zum Abendessen bei Anita getroffen. Früher ging es nicht, da Elke sich eine Wohnung hatte suchen müssen. Vorübergehend war sie bei ihren Eltern untergekommen. Das war aber kein Dauerzustand. Mit 24 Jahren fühlte sie sich zu alt um nicht eine eigene Wohnung zu haben.
Das Apartment, das Anita im Haus ihrer Eltern bewohnte, gefiel ihr. Es bestand aus einem großen Wohnraum mit abgeteiltem Schlafzimmer, einer kleinen Küche und einem Bad. Elke wäre es aber auf Dauer zu dicht bei den Eltern, die sie sehr liebte, jedoch nicht Tür an Tür mit ihnen wohnen wollte. Zum Glück hatte sie in kurzer Zeit eine bezahlbare 2-Zimmer-Wohnung in Höfen gefunden.
Anita indes hatte im Moment sehr viel Arbeit zu erledigen. Schon seit ein paar Wochen musste sie regelmäßig Überstunden machen um alle Aufgaben zu erfüllen die ihr gestellt wurden.
Nun hatten sie sich viel zu erzählen und es würde eine lange Nacht werden. Das war jedoch egal, denn es war Freitagabend und das Wochenende lag vor ihnen.
"Jetzt erzähle doch mal wie es dir so geht. Bist du noch mit Markus zusammen", wollte Elke wissen.
Anita hatte ihr nicht erzählt, dass Markus beim Stehlen erwischt worden war. Vielmehr - dass sie ihn verraten hatte. Jetzt musste sie es ihrer Freundin gestehen - ihr Alles schildern. Es war nicht leicht, doch es ging nicht anders. Während sie nun berichtete, bekam Elke immer größere Augen. Sie sagte keinen Ton und hörte aufmerksam zu.
"Es ging nochmals gut aus. Er ist mit einer Geldstrafe davon gekommen", endete Anita ihre Erzählung.
"Du hast ihm verziehen?"
Elke war von der Geschichte verblüfft. Niemals hatte sie vermutet, dass ihre Freundin im vergangenen Jahr solch’ eine Beziehungskrise hatte. In den Briefen von Anita war nicht der geringste Anhaltspunkt zu finden.
"Ja, das habe ich. Es ist mir nicht leicht gefallen, aber ich mag ihn noch immer."
"Du magst ihn. Was ist mit Liebe? Liebst du ihn denn auch noch? Nach all dem, das kann ich fast nicht glauben."
"Es ist aber so. Weißt du, er hat mir leid getan. Sicher, ich habe ihn verraten weil ich sauer auf ihn war."
Elke konnte das nicht begreifen. Sie hatte ihren Freund gleich fallen lassen, nachdem sie ihn auf einer Party mit einer anderen Frau beim Küssen erwischt hatte. Peter hatte zwar beteuert, dass sei harmlos. Er hatte zuviel getrunken und war nicht mehr ganz Herr seiner Sinne. Sie war in dieser Hinsicht eigen. Sie verlangte von ihrem Partner absolute Treue und Ehrlichkeit. Diese zwei Dinge waren für die Blondine das Wichtigste. Hätte ihr Exfreund gestohlen dann wäre das auch ein Grund für eine Trennung gewesen.
"Na ja, es ist dein Leben", sagte sie zu Anita nach einer kurzen Pause, "ich kann dir nicht vorschreiben mit wem du eine Beziehung haben möchtest. Ich an deiner Stelle wäre aber vorsichtig. Wer kann dir garantieren, dass er nicht wieder stiehlt. Er selbst mit Sicherheit nicht."
Das gab Anita doch wieder etwas zu denken. Sie hatte sich lange Zeit sehr viele Gedanken darüber gemacht. Es irgendwann dann aber verdrängt. Als sie nun mit ihrer Freundin darüber sprach kamen alte Gefühle wieder in ihr hoch. Gefühle, die sie längst vergessen hatte. Die Enttäuschung - der Hass, der sie schließlich zum Verrat getrieben hatte. Die Frau wollte aber nicht mehr mit diesen Gefühlen konfrontiert werden.
"Ich weiß. Lass uns doch von etwas anderem reden", wich sie aus.
"Wie du willst."
Elke schenkte sich noch etwas zum Trinken ein. Nachdem Anita so offen war, sollte sie auch die Wahrheit für ihre Rückkehr erzählen? Bevor sie aber zu einer Entscheidung gezwungen war fragte ihre Freundin:
"Wie sieht es mit deiner Wohnung aus. Bist du schon mit Allem fertig", wollte Anita wissen.
"Bist du verrückt. Bis jetzt habe ich nur das Notwendigste getan."
"Wenn du möchtest, kann ich dir morgen helfen. Ich spreche mit Markus. Er hilft bestimmt auch."
"Das ist lieb von dir. Gerne nehme ich die Hilfe in Anspruch."
Den Rest des Abends redeten die beiden Frauen über alle möglichen Dinge. Es war schon nach Mitternacht als sich Elke von ihrer Freundin verabschiedete.
1. Kapitel
Bereits seit ein paar Wochen war Anitas Freundin Elke wieder aus Freiburg zurück. Die Frau hatte in der Nähe Arbeit gefunden.
Dies sei der Grund, warum sie wieder zurück gekommen sei, gab sie an. Das stimmte aber nicht. Eine enttäuschte Liebe war der wahre Grund für ihre Rückkehr. Das verriet die Blonde aber nicht. Zumindest zu diesem Zeitpunkt wollte sie nicht darüber reden. Es war für sie immer noch zu schmerzlich. Es wäre gut gewesen darüber zu sprechen. Sie konnte es aber nicht.
Die Freundinnen hatten sich vermisst, obwohl sie sich regelmäßig geschrieben hatten.
Heute hatten sie sich endlich zum Abendessen bei Anita getroffen. Früher ging es nicht, da Elke sich eine Wohnung hatte suchen müssen. Vorübergehend war sie bei ihren Eltern untergekommen. Das war aber kein Dauerzustand. Mit 24 Jahren fühlte sie sich zu alt um nicht eine eigene Wohnung zu haben.
Das Apartment, das Anita im Haus ihrer Eltern bewohnte, gefiel ihr. Es bestand aus einem großen Wohnraum mit abgeteiltem Schlafzimmer, einer kleinen Küche und einem Bad. Elke wäre es aber auf Dauer zu dicht bei den Eltern, die sie sehr liebte, jedoch nicht Tür an Tür mit ihnen wohnen wollte. Zum Glück hatte sie in kurzer Zeit eine bezahlbare 2-Zimmer-Wohnung in Höfen gefunden.
Anita indes hatte im Moment sehr viel Arbeit zu erledigen. Schon seit ein paar Wochen musste sie regelmäßig Überstunden machen um alle Aufgaben zu erfüllen die ihr gestellt wurden.
Nun hatten sie sich viel zu erzählen und es würde eine lange Nacht werden. Das war jedoch egal, denn es war Freitagabend und das Wochenende lag vor ihnen.
"Jetzt erzähle doch mal wie es dir so geht. Bist du noch mit Markus zusammen", wollte Elke wissen.
Anita hatte ihr nicht erzählt, dass Markus beim Stehlen erwischt worden war. Vielmehr - dass sie ihn verraten hatte. Jetzt musste sie es ihrer Freundin gestehen - ihr Alles schildern. Es war nicht leicht, doch es ging nicht anders. Während sie nun berichtete, bekam Elke immer größere Augen. Sie sagte keinen Ton und hörte aufmerksam zu.
"Es ging nochmals gut aus. Er ist mit einer Geldstrafe davon gekommen", endete Anita ihre Erzählung.
"Du hast ihm verziehen?"
Elke war von der Geschichte verblüfft. Niemals hatte sie vermutet, dass ihre Freundin im vergangenen Jahr solch’ eine Beziehungskrise hatte. In den Briefen von Anita war nicht der geringste Anhaltspunkt zu finden.
"Ja, das habe ich. Es ist mir nicht leicht gefallen, aber ich mag ihn noch immer."
"Du magst ihn. Was ist mit Liebe? Liebst du ihn denn auch noch? Nach all dem, das kann ich fast nicht glauben."
"Es ist aber so. Weißt du, er hat mir leid getan. Sicher, ich habe ihn verraten weil ich sauer auf ihn war."
Elke konnte das nicht begreifen. Sie hatte ihren Freund gleich fallen lassen, nachdem sie ihn auf einer Party mit einer anderen Frau beim Küssen erwischt hatte. Peter hatte zwar beteuert, dass sei harmlos. Er hatte zuviel getrunken und war nicht mehr ganz Herr seiner Sinne. Sie war in dieser Hinsicht eigen. Sie verlangte von ihrem Partner absolute Treue und Ehrlichkeit. Diese zwei Dinge waren für die Blondine das Wichtigste. Hätte ihr Exfreund gestohlen dann wäre das auch ein Grund für eine Trennung gewesen.
"Na ja, es ist dein Leben", sagte sie zu Anita nach einer kurzen Pause, "ich kann dir nicht vorschreiben mit wem du eine Beziehung haben möchtest. Ich an deiner Stelle wäre aber vorsichtig. Wer kann dir garantieren, dass er nicht wieder stiehlt. Er selbst mit Sicherheit nicht."
Das gab Anita doch wieder etwas zu denken. Sie hatte sich lange Zeit sehr viele Gedanken darüber gemacht. Es irgendwann dann aber verdrängt. Als sie nun mit ihrer Freundin darüber sprach kamen alte Gefühle wieder in ihr hoch. Gefühle, die sie längst vergessen hatte. Die Enttäuschung - der Hass, der sie schließlich zum Verrat getrieben hatte. Die Frau wollte aber nicht mehr mit diesen Gefühlen konfrontiert werden.
"Ich weiß. Lass uns doch von etwas anderem reden", wich sie aus.
"Wie du willst."
Elke schenkte sich noch etwas zum Trinken ein. Nachdem Anita so offen war, sollte sie auch die Wahrheit für ihre Rückkehr erzählen? Bevor sie aber zu einer Entscheidung gezwungen war fragte ihre Freundin:
"Wie sieht es mit deiner Wohnung aus. Bist du schon mit Allem fertig", wollte Anita wissen.
"Bist du verrückt. Bis jetzt habe ich nur das Notwendigste getan."
"Wenn du möchtest, kann ich dir morgen helfen. Ich spreche mit Markus. Er hilft bestimmt auch."
"Das ist lieb von dir. Gerne nehme ich die Hilfe in Anspruch."
Den Rest des Abends redeten die beiden Frauen über alle möglichen Dinge. Es war schon nach Mitternacht als sich Elke von ihrer Freundin verabschiedete.
... link (0 Kommentare) ... comment
Freitag, 30. November 2012
Der Autounfall
klauspfrommer, 12:54h
Der junge Mann fuhr mit seinem Auto die Landstraße entlang. Wahrscheinlich etwas zu schnell, denn der Wagen geriet ins Schleudern und kam von der Fahrbahn ab. Nachdem er sich ein letztes Mal überschlagen hatte, blieb er zertrümmert auf der Wiese liegen. Eine der Radkappen segelte noch ein paar Meter durch die Luft und landete neben einem Baum. Vögel flogen erschrocken auf und verschwanden am Himmel.
Der Fahrer überlebte den Unfall nicht. Seine Verletzungen waren dafür zu schwer.
Thomas Bayerlein war sehr betroffen, als er am nächsten Tag von dem Unfall hörte. Sofort benachrichtigte er seinen Freund Markus. Markus Kreller hatte auch schon von dem Unfall gehört und war nicht minder bestürzt. Sie konnten nicht fassen, dass es ausgerechnet ihren älteren Kumpel Jürgen getroffen hatte. Ihr dickster Freund, mit dem sie immer viel Spaß hatten. Die Jungen hatten in ihrer Freizeit immer alles gemeinsam unternommen.
Ein Jahr danach.
Das Leben von Thomas hat sich extrem gewandelt. Aus dem einst fröhlichen, aufgeschlossenen Jungen wurde ein wortkarger, verschlossener Jugendlicher. Zudem war er durch eine Klassenkameradin in spiritistische Kreise geraten. Seine Eltern hatte davon keine Ahnung. Sie wunderten sich nur über sein stark verändertes Wesen.
Thomas führte auch seinen Freund in diese Kreise ein. Sie hofften irgendwann durch Gläserrücken mit Jürgen Kontakt zu bekommen, dessen Tod die Jungen nicht vergessen hatten. Da sie aber noch keine Erfahrungen mit übersinnlichen Kräften hatten und auch niemanden kannten, der Gläserrücken praktizierte, blieb dieser Wunsch vorerst ein Traum.
Das änderte sich, als sie wieder einmal die Marien-Kultstätte in Heroldsbach besuchten, einen Treffpunkt für okkulte Sekten. Dort stießen sie auf Ilka. Eine mysteriöse junge Frau ganz in Schwarz gekleidet. Sofort kamen sie ins Gespräch. Auch über Jürgen sprachen sie. Die Jungen erzählten Ilka, dass sie dessen Tod bis heute nicht verkraftet hätten.
Darauf hin meinte Ilka: „Habt ihr schon einmal daran gedacht, mit ihm Kontakt aufzunehmen?“
„Daran hatten wir schon gedacht. Wir kennen aber niemanden, der spirituelle Sitzungen abhält“, sagte Markus.
„Da kann ich euch helfen. Ich treffe mich immer mit ein paar Freunden und wir machen Gläserrücken.“
„Das ist ja toll. Meinst du, wir könnten da auch mal mitmachen?“
„Natürlich, wenn ihr Lust habt. Wartet, ich schreibe euch die Adresse auf.“
Sie gab den Zettel mit der Adresse Markus.
„Meint ihr, dass ihr das findet?“
„Das ist kein Problem. Wann sollen wir kommen?“
„Heute Abend, so gegen acht Uhr.“
„Wir werden da sein.“
„Gut. Ich muss jetzt leider gehen. Wir sehen uns dann.“
Die junge Frau in der schwarzen Robe verschwand aus dem Blickfeld der beiden jungen Männer.
Den Rest des Nachmittags verbrachten die beiden Jungen in der Wohnung von Thomas. Am Abend fuhren sie dann mit Markus‘ Auto zu der angegebenen Adresse. Ohne Probleme fanden sie hin und trafen dort wieder Ilka.
Sie begrüßten sich und gingen in den Hinterhof des Hauses. Über eine Treppe gelangten sie in einen Partykeller, in dem sich schon ein paar Leute versammelt hatten. Ilka machte Thomas und Markus mit den anderen bekannt.
„Lasst uns jetzt beginnen“, sagte einer von Ihnen.
Für das Gläserrücken ist alles schon vorbereitet. In der Mitte des Raumes steht ein runder Tisch, auf dem eine Platte liegt. Darauf stehen die Zahlen von eins bis neun und das Alphabet geschrieben. Ein Glas steht, mit der Unterseite nach oben, auf der Platte. Wenige Kerzen sind noch auf dem Tisch verteilt und sorgen für eine düstere Atmosphäre. An dem Tisch nehmen die Jugendlichen Platz.
Die Geisterbeschwörung kann beginnen. Jeder legt einen Zeigefinger auf das Glas. Ihre Blicke konzentrieren sich darauf. Sie öffnen ihr Unterbewusstsein; stellen ihre Fragen. Die Jugendlichen wollen Kontakt zu dem toten Freund von Markus und Thomas aufnehmen. Es gelingt den jungen Leuten - ein Geist meldet sich.
Markus fragt den Geist, ob er Jürgen sein. Das wird von dem Geist bejaht. Dann fragt Markus unvermittelt:
„Wann werden wir sterben?“
Die anderen halten alle die Luft an. Mit so einer Frage hatte keiner gerechnet.
Einen Augenblick später beginnt das Glas zu wackeln. Es rutscht über die Platte zur eins, dann zur Neun, nochmals auf die Neun und schließlich wieder zur Eins. Die Antwort auf die Frage lautet: 1991. Es herrscht für eine kurze Zeit bedrücktes Schweigen.
Dann stellt Markus die nächste Frage: „Durch welche Todesursache?“
Wieder wandert das Glas über die Platte – gibt Antwort auf die Frage. Selbstmord, lautet sie.
Den beiden Jungen ist klar, dass Jürgen ihnen die Wahrheit übermittelt hat. Nie würde er sie belügen.
Die Antworten, die Markus und Thomas erhalten hatten, beschäftigten sie jeden Tag. Wenige Tage später verfielen sie in den Wahn, Selbstmord begehen zu müssen, damit die Geister Recht behielten.
In dem alten Opel Kadett von Markus fuhren sie ein Waldstück bei Forchheim. Dort führten sie die Wahnidee aus. Sie dichteten das Auto ab. Nur noch ein Schlauch vom Auspuff führte ins Wageninnere. Markus startete und ließ den Motor laufen. Die giftigen Abgase gelangten ins Innere und setzten dem Leben von Thomas und Markus ein Ende.
Erst am nächsten Tag fand man die Leichen der beiden Jungen. Die Eltern konnten nicht fassen, was ihre Kinder getan hatten. Welche Motive sie hatten, ihr Leben zu beenden wussten sie nicht und konnten der Polizei nicht weiterhelfen. Später fand man heraus, dass es eine Folge des Gläserrückens war. Auf diese Lösung kam man, weil die Geisterstunde fast noch zwei Opfer gefordert hatte. Ilka wollte, zusammen mit einem Freund, ebenfalls Selbstmord begehen. Glücklicherweise fanden ihre Eltern den Abschiedsbrief, den die junge Frau geschrieben hatte. Rechtzeitig konnte sie und ihr Freund gerettet werden.
Der Fahrer überlebte den Unfall nicht. Seine Verletzungen waren dafür zu schwer.
Thomas Bayerlein war sehr betroffen, als er am nächsten Tag von dem Unfall hörte. Sofort benachrichtigte er seinen Freund Markus. Markus Kreller hatte auch schon von dem Unfall gehört und war nicht minder bestürzt. Sie konnten nicht fassen, dass es ausgerechnet ihren älteren Kumpel Jürgen getroffen hatte. Ihr dickster Freund, mit dem sie immer viel Spaß hatten. Die Jungen hatten in ihrer Freizeit immer alles gemeinsam unternommen.
Ein Jahr danach.
Das Leben von Thomas hat sich extrem gewandelt. Aus dem einst fröhlichen, aufgeschlossenen Jungen wurde ein wortkarger, verschlossener Jugendlicher. Zudem war er durch eine Klassenkameradin in spiritistische Kreise geraten. Seine Eltern hatte davon keine Ahnung. Sie wunderten sich nur über sein stark verändertes Wesen.
Thomas führte auch seinen Freund in diese Kreise ein. Sie hofften irgendwann durch Gläserrücken mit Jürgen Kontakt zu bekommen, dessen Tod die Jungen nicht vergessen hatten. Da sie aber noch keine Erfahrungen mit übersinnlichen Kräften hatten und auch niemanden kannten, der Gläserrücken praktizierte, blieb dieser Wunsch vorerst ein Traum.
Das änderte sich, als sie wieder einmal die Marien-Kultstätte in Heroldsbach besuchten, einen Treffpunkt für okkulte Sekten. Dort stießen sie auf Ilka. Eine mysteriöse junge Frau ganz in Schwarz gekleidet. Sofort kamen sie ins Gespräch. Auch über Jürgen sprachen sie. Die Jungen erzählten Ilka, dass sie dessen Tod bis heute nicht verkraftet hätten.
Darauf hin meinte Ilka: „Habt ihr schon einmal daran gedacht, mit ihm Kontakt aufzunehmen?“
„Daran hatten wir schon gedacht. Wir kennen aber niemanden, der spirituelle Sitzungen abhält“, sagte Markus.
„Da kann ich euch helfen. Ich treffe mich immer mit ein paar Freunden und wir machen Gläserrücken.“
„Das ist ja toll. Meinst du, wir könnten da auch mal mitmachen?“
„Natürlich, wenn ihr Lust habt. Wartet, ich schreibe euch die Adresse auf.“
Sie gab den Zettel mit der Adresse Markus.
„Meint ihr, dass ihr das findet?“
„Das ist kein Problem. Wann sollen wir kommen?“
„Heute Abend, so gegen acht Uhr.“
„Wir werden da sein.“
„Gut. Ich muss jetzt leider gehen. Wir sehen uns dann.“
Die junge Frau in der schwarzen Robe verschwand aus dem Blickfeld der beiden jungen Männer.
Den Rest des Nachmittags verbrachten die beiden Jungen in der Wohnung von Thomas. Am Abend fuhren sie dann mit Markus‘ Auto zu der angegebenen Adresse. Ohne Probleme fanden sie hin und trafen dort wieder Ilka.
Sie begrüßten sich und gingen in den Hinterhof des Hauses. Über eine Treppe gelangten sie in einen Partykeller, in dem sich schon ein paar Leute versammelt hatten. Ilka machte Thomas und Markus mit den anderen bekannt.
„Lasst uns jetzt beginnen“, sagte einer von Ihnen.
Für das Gläserrücken ist alles schon vorbereitet. In der Mitte des Raumes steht ein runder Tisch, auf dem eine Platte liegt. Darauf stehen die Zahlen von eins bis neun und das Alphabet geschrieben. Ein Glas steht, mit der Unterseite nach oben, auf der Platte. Wenige Kerzen sind noch auf dem Tisch verteilt und sorgen für eine düstere Atmosphäre. An dem Tisch nehmen die Jugendlichen Platz.
Die Geisterbeschwörung kann beginnen. Jeder legt einen Zeigefinger auf das Glas. Ihre Blicke konzentrieren sich darauf. Sie öffnen ihr Unterbewusstsein; stellen ihre Fragen. Die Jugendlichen wollen Kontakt zu dem toten Freund von Markus und Thomas aufnehmen. Es gelingt den jungen Leuten - ein Geist meldet sich.
Markus fragt den Geist, ob er Jürgen sein. Das wird von dem Geist bejaht. Dann fragt Markus unvermittelt:
„Wann werden wir sterben?“
Die anderen halten alle die Luft an. Mit so einer Frage hatte keiner gerechnet.
Einen Augenblick später beginnt das Glas zu wackeln. Es rutscht über die Platte zur eins, dann zur Neun, nochmals auf die Neun und schließlich wieder zur Eins. Die Antwort auf die Frage lautet: 1991. Es herrscht für eine kurze Zeit bedrücktes Schweigen.
Dann stellt Markus die nächste Frage: „Durch welche Todesursache?“
Wieder wandert das Glas über die Platte – gibt Antwort auf die Frage. Selbstmord, lautet sie.
Den beiden Jungen ist klar, dass Jürgen ihnen die Wahrheit übermittelt hat. Nie würde er sie belügen.
Die Antworten, die Markus und Thomas erhalten hatten, beschäftigten sie jeden Tag. Wenige Tage später verfielen sie in den Wahn, Selbstmord begehen zu müssen, damit die Geister Recht behielten.
In dem alten Opel Kadett von Markus fuhren sie ein Waldstück bei Forchheim. Dort führten sie die Wahnidee aus. Sie dichteten das Auto ab. Nur noch ein Schlauch vom Auspuff führte ins Wageninnere. Markus startete und ließ den Motor laufen. Die giftigen Abgase gelangten ins Innere und setzten dem Leben von Thomas und Markus ein Ende.
Erst am nächsten Tag fand man die Leichen der beiden Jungen. Die Eltern konnten nicht fassen, was ihre Kinder getan hatten. Welche Motive sie hatten, ihr Leben zu beenden wussten sie nicht und konnten der Polizei nicht weiterhelfen. Später fand man heraus, dass es eine Folge des Gläserrückens war. Auf diese Lösung kam man, weil die Geisterstunde fast noch zwei Opfer gefordert hatte. Ilka wollte, zusammen mit einem Freund, ebenfalls Selbstmord begehen. Glücklicherweise fanden ihre Eltern den Abschiedsbrief, den die junge Frau geschrieben hatte. Rechtzeitig konnte sie und ihr Freund gerettet werden.
... link (0 Kommentare) ... comment
Montag, 27. August 2012
Liebe ist keine Garantie
klauspfrommer, 21:38h
Der Verkehr rollte an der Bushaltestelle vorüber. Anita wartete auf den Bus. Nach acht Stunden Arbeit war sie wieder mal erledigt. Die Tätigkeit als Sachbearbeiterin im Versand machte ihr aber Spaß.
Von ihrer Umgebung bekam die junge Frau nicht viel mit. Gedankenversunken saß sie auf einer Bank.
„Hallo, du Träumerin.“
Anita wurde in die Realität zurückgerissen. Vor ihr stand ein großer junger Mann mit blondem Haar – ihr Freund Markus. Er lächelte sie an.
„Hallo.“
Er setzte sich zu ihr und begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange. Mehrere Jugendliche standen herum und schauten zu. Doch das störte die beiden Verliebten nicht.
„Wartest du schon lange?“ wollte Markus von seiner Freundin wissen.
„Etwa zehn Minuten. Der Bus kommt aber noch lange nicht. Es dauert bestimmt noch eine Viertelstunde. Was hältst du davon, wenn wir noch in den Müller gehen und schauen, was sie an neuen Platten da haben?“
„Keine schlechte Idee. Lass uns gehen.“
Sie standen auf. Anita warf sich den Riemen ihrer Tasche über die Schulter. Ineinandergehakt schlenderten sie den Gehweg entlang. Zum Drogeriemarkt Müller waren es nur knappe hundert Meter.
Im Laden war sehr viel los. Nach Büroschluss gingen etliche Leute noch schnell einkaufen. Auch Anita nutzte die Zeit nach Büroschluss für ihre Einkäufe. Sie arbeitete direkt in Calw, ihr Freund dagegen in Nagold. Ein Arbeitskollege nahm ihn immer bis nach Calw mit. Eine andere Möglichkeit, nach Hause zu kommen, gab es für Markus nicht. Er fand das auch nicht schlecht, so traf er jeden Tag seine Freundin. Wie immer begann Markus sofort damit, die CD’s von A bis Z durchzustöbern. Er hörte leidenschaftlich gerne Heavy Metal. Seine Freundin konnte er dafür nicht begeistern. Sie liebte mehr den Classic-Rock von Queen oder ELO. Hin und wieder gab es zwischen ihnen wegen der Musik kleinere Streitereien.
„Hey, sieh dir diese Scheibe an. Die ist ganz neu auf dem Markt. Die muß ich haben.“
„Schon wieder so eine Heavy-Gruppe. Na ja, es ist dein Geld.“
Auf ihre Bemerkung ging Markus nicht ein. Er nahm Anita am Arm. Gemeinsam gingen sie zur Plattenausgabe. Eine Verkäuferin bediente die Kunden.
„So, bitte schön, sagte die Frau, als sie Markus die CD aushändigte.
„Danke“, entgegnete er.
Er drehte sich nach seiner Freundin um. Sie war zu dem Regal mit den Sonderangeboten gegangen, direkt gegenüber des Ausgabetresens.
Er ging zu ihr hin und sagte:
„Wir sollten gehen.“
Anita hakte sich bei ihrem Freund ein. Durch die Gänge schritten sie in Richtung Kasse. Markus blickte sich um. Niemand beobachtete sie. Schnell steckte er die CD in das Innere seiner Jacke.
„Sag mal, spinnst du?“
„Sei ruhig“, zischte er.
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, stieß er mit den Ellenbogen leicht in Anitas Magengrube. Sie zuckte zusammen. Dann sagte er laut:
„Ach, das fällt mir ein – ich soll für meine Mutter noch Handcreme mitbringen. Wartest du hier?“
Eine Antwort wartete er nicht ab, sondern er ging nochmals zurück und suchte in den Regalen nach einer billigen Creme. Schnell fand er eine. Markus nahm sich eine Dose davon und ging dann zur Kasse. Als er an der Plattenabteilung vorbei kam, schielte er zu der Verkäuferin hinüber. Sie war gerade beschäftigt, sodass sie ihn nicht beachtete.
Das war gut so. Alles klappte wie am Schnürchen. Doch wo war seine Freundin? Er konnte sie nirgends entdecken.
„Das macht 2,69 DM“, sagte die Kassiererin.
Markus bezahlte und verließ das Geschäft.
Auf der Straße rollte der Feierabendverkehr vorbei. Markus ging den Weg zur Bushaltestelle zurück. Er lächelte. Es war so leicht gewesen die Scheibe zu stehlen. Wieso war er nicht früher darauf gekommen, wo er doch eine Menge Geld für CD’s aufbringen musste. Auf diese Art konnte er sich gut noch ein paar Scheiben organisieren. Zu oft wollte er es aber auch nicht machen. Höchstens alle zwei Wochen einmal.
Von weitem schon sah der junge Mann seine Freundin neben der Bank stehen. Er ging auf sie zu. Nach wenigen Metern hatte er sie erreicht.
„Warum hast du nicht auf mich gewartet?“
Langsam dreht das Mädchen den Kopf. Tränen standen ihr in den Augen.
„Wieso tust du so was? Das hätte ich nicht von dir gedacht!“
Ihre Stimme vibrierte leicht.
„Ist es denn so schlimm? Ich finde das nicht.“
Der Bus kam gerade. Anita ließ ihren Freund stehen und schritt auf das bremsende Fahrzeug zu. Als es stand, öffnete der Busfahrer die Tür. Anita ließ eine ältere Dame vor sich einsteigen und bestieg das Fahrzeug. Als sie den Gang entlangging, schaute sie aus dem Fenster. Markus stand immer noch bei der Bank. Er sah sie durch die Scheibe hindurch an. Vergeblich versuchte er, in Anitas Gesicht zu lesen. Sie wandte sich ab.
Der Bus verließ wenig später die Haltestelle. Markus hatte sich neben seine Freundin gesetzt.
„Nun sag mir doch, was mit dir los ist!“
„Du wagst es, mich das zu fragen? Du klaust bei Müller eine CD und fragst dann, was ich habe. Du musst wirklich einen Schuss an der Waffel haben.“
Verärgert schaute Anita aus dem Fenster. Die Sonne warf gerade ihre letzten Strahlen auf die im Tal liegende Stadt.
„Okay, okay. Könntest du aber bitte etwas leiser sprechen. Es müssen ja nicht gleich alle hier im Bus mitkriegen.“
Beschwichtigend legte er seine Hände auf die ihren. Sie ließ es zu. Keine Regung spürte er in ihren Händen.
„Am liebsten würde ich laut rausschreien, was du getan hast.“
Sie blickte ihn nur kurz in die Augen, um dann wieder das Leben draußen zu verfolgen. Markus sagte zwar noch etwas, doch sie hörte ihm nicht mehr zu.
Warum musste ausgerechnet ihr das passieren? Sie glaubte, in Markus einen Freund kennen gelernt zu haben, dem sie voll vertrauen konnte. Doch sie wurde enttäuscht. Nie hätte sie gedacht, dass er stehlen würde. Es schien ihm sogar Spaß gemacht zu haben. Doch genau das wollte ihr nicht in den Kopf. Sie hatte ihn immer für ehrlich gehalten. Er war zuvorkommend, half älteren Mitmenschen.
Doch nun wurde sie von der grausamen Realität eingeholt. Leer blickten ihre Augen in die Umgebung. Sie nahm kaum noch etwas wahr. Schon längst hatte der Bus Calw verlassen. Er war beinahe schon in Altburg angelangt.
„Hörst du mir überhaupt zu?“
Die Worte drangen in ihr Gehirn.
„Was hast du gesagt?“ fragte sie.
Ihr Kopf war wieder etwas klarer.
„Ich habe gesagt, ich verspreche dir, nie wieder zu stehlen.“
Markus sprach die Worte leise. Mit treuen Hundeaugen blickte er Anita an.
„Meinst du es auch wirklich ehrlich?“
„Ja, das meine ich. Verzeihst du mir noch einmal?“
„Das tue ich.“
Sie fiel ihrem Freund in die Arme und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Lange böse sein konnte sie ihm nicht, selbst nach dem, was er getan hatte. Doch ein Rest von Enttäuschung blieb in ihrem Herzen zurück. Dieser kleine Rest würde später der Auslöser für eine Tat sein, die sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht zugetraut hätte.
Zehn Minuten später hielt der Bus in Würzbach, ihrem Wohnort. Hier mussten sie aussteigen. Ein paar Tage später hatte Anita den Vorfall mit Markus fast schon wieder vergessen. Die letzten Abende hatte sie von einer Freundin Besuch bekommen. Die jungen Frauen hatten sich viele Neuigkeiten zu erzählen gehabt. Die Freundin war nur ein paar Tage geblieben. Sie wollte noch ihre Großeltern in Freiburg besuchen. Anita hatte dafür Verständnis. Den letzten gemeinsamen Abend ließ sie gerade noch einmal Revue passieren.
„Ist dieser Platz noch frei?“
Anita hatte aus dem Fenster gesehen und blickte sich nun verwirrt um.
„Hallo, Schatz. Ich dachte, du kommst heute gar nicht.“
„Es war auch ziemlich knapp. Mein Arbeitskollege hatte in Nagold noch etwas zu erledigen. Da ist es dann später geworden. Gerade aber noch rechtzeitig!“
Er hatte sich noch nicht gesetzt. Der Bus fuhr mit einem Ruck an. Markus verlor dadurch den Halt. Fast wäre er gestürzt. An der Kopflehne konnte er sich gerade noch festhalten.
Etwas fiel aus seiner Jacke. Anita konnte nicht erkennen, was es war. Mit einem Kleppern landete das Ding auf dem Boden zwischen den Sitzreihen. Sie bückte sich und suchte mit der rechten Hand den Boden ab. Fast sofort fand Anita es. Sie schloss die Finger darum und hob es auf: es war eine CD! Als sie die Scheibe sah, glaubte sie sofort, dass Markus sie wieder gestohlen hätte.
„Oh, nein!“
Die beiden Worte hatte ihr Freund ausgesprochen. Nun wusste es Anita genau. Er hatte wieder gestohlen! Wütend schleuderte sie ihm die CD entgegen. Markus konnte sie gerade noch vor seinem Bauch abfangen.
„Ich habe dir vertraut. Ich habe deinen Worten geglaubt. Doch du hast mein Vertrauen wieder missbraucht. Diesmal bist du zu weit gegangen.
„Ich...“
„Sag kein Wort mehr!“
Markus wollte sich neben Anita setzten. Doch das konnte sie in der Situation nicht zulassen.
„Verschwinde! Lass mich bloß in Ruhe!“
Verdutzt blieb der junge Mann stehen. Die anderen Fahrgäste schauten die zwei neugierig an.
In die Reihe hinter Anita setzte Markus sich hin. Er wagte es aber nicht, sie während der Fahrt nach Hause anzusprechen. Sie würde ihn nur anschreien. Er musste sich aber mit ihr aussprechen! Wie sollte er ihr nur erklären, was die Gründe für seine Diebstähle waren, welche Faszination davon ausging? Am Anfang hatte Markus gedacht, er hätte es unter Kontrolle. Doch das hatte nicht gestimmt. Eine unbekannte Macht hatte von ihm Besitz ergriffen. Es war inzwischen ein Zwang geworden, zu stehlen.
Für Anita schien eine Welt unterzugehen. Langsam zweifelte sie schon an sich selbst. Sie schien die Gabe, einen Menschen einschätzen zu können, verloren zu haben. Vielleicht hatte auch nur die Liebe zu Markus sie blind gemacht. Das sollte ihr aber nie wieder passieren. Mit Markus würde sie Schluss machen.
Die Landschaft lief wie ein Film an ihr vorüber. Es war etwas trübe. Den ganzen Tag schon standen Wolken am Himmel. Das Wetter passte genau zu Anitas Stimmung. In ihrem Innern war es trübe geworden. Nichts war mehr klar. Gedanken huschten vorüber. Manche standen seinen kurzen Augenblick klar an ihrem inneren Horizont und waren dann plötzlich wieder verschwunden. Sie wollte an die schönen Zeiten mit Markus denken, doch das konnte sie nicht. Wie ein Schleier hatten sich schwarze Wolken darüber gesenkt.
Sie begann leise zu weinen. Leere breitete sich in ihr aus. Eine Leere, wie sie sie zuvor noch nicht gekannt hatte.
Der Bus war in Würzbach angekommen.
„Willst du nicht aussteigen?“ fragte eine Stimme.
„Was?“
Die Realität hatte sie wieder. Im Gang neben ihrem Sitz stand Rolf. Ein Junge mit schwarzen Locken, der ebenfalls im Ort wohnte.
„Natürlich möchte ich aussteigen.“
„Sag mal, hast du geweint?“
„Das geht dich überhaupt nichts an. Verschwinde!“
Sie hatte die Worte hart ausgesprochen. Der Junge erschrak und sprang aus dem Bus.
„Hey, Rolfi“, schrie Anita hinter ihm her, als sie den Bus verlassen hatte, „ich habe es nicht so gemeint. Tut mir leid.“
Rolf, der schon ein Stück den Gehweg entlang gerannt war, blieb stehen und rief zurück:
„Ist schon vergessen. Tschüß“
Den Jungen mochte Anita. Er wohnte nur ein paar Häuser von ihr entfernt und spielte immer mit ihrer kleinen Schwester.
Anita ging um die Ecke. Da stand er.
„Hast du dich wieder etwas beruhigt?“ fragte Markus in ruhigem Ton.
Immer noch standen Gewitterwolken über Anita.
„Nein, das habe ich nicht!“
Sie brüllte die Worte. Sie musste jetzt einfach schreien. Der Hass, der in ihr war, musste raus.
„Himmel, glaub’ bloß nicht, dass deswegen die Welt untergeht.“
Markus stand unschlüssig das. Er wusste nicht, was er tun sollte. Langsam ging er auf Anita zu. Sie wich zurück.
„Du machst es dir einfach. Du klaust mal eben was und protzt damit auch noch rum. Du meinst, es ist cool. Doch das ist es nicht. Oh nein, Markus, das es ist es nicht, das ist es ganz und gar nicht! Das, was du getan hast, ist kriminell. Mit einem Kriminellen möchte ich aber nichts zu tun haben!“
Wieder kamen die Tränen. Denn in ihr war immer noch die Liebe. Das Feuer war nicht erloschen.
„Ich bitte dich.“
„Du hast mich belogen.“
„Warum sollte ich dich belügen?“
„Dein Arbeitskollege hatte überhaupt nichts in Nagold zu erledigen.“
Markus bekam ein mulmiges Gefühl im Magen.
„Es tut mir leid. Wirklich.“
Was sollte er sagen? Er wusste es nicht. Ihm war nur klar, dass er Anita nicht verloren wollte.
„Das ist alles, was du dazu zu sagen hast? Es tut dir leid? Du wirst es wieder tun. Immer und immer wieder. Das Feuer der Leidenschaft hat dich gepackt. Was wird das nächste sein – raubst du eine Bank aus?“
„Ich bitte dich, werde nicht albern.“
„Ich bin nicht albern!“ brüllte sie ihn an.
Die Tränen rannten über ihr Gesicht. Sie verbarg es hinter den Händen. Markus wollte Anita in die Arme nehmen, sie trösten. Doch sie wehrte sich. Sie stieß ihn mit ganzer Kraft von sich. Er torkelte zurück und stolperte.
Markus knickte mit dem Fuß am Bürgersteigrand um und fiel zu Boden. Er landete auf der Fahrbahn. Im gleichen Augenblick bog ein Auto um die Ecke.
Der Fahrer des Wagens erschrak. Vor ihm lag plötzlich ein Mann auf der Straße. Er trat voll auf die Bremse. Markus sah das Auto wie ein riesiges Ungeheuer auf sich zukommen und riss die Arme hoch. Anita erstarrte vor Schreck. Das Quietschen von Reifen hallte durch die Straße, gefolgt von einem Schrei. Dann war es still.
Anita löste sich aus der Erstarrung und rannte zu ihrem Freund. Das Auto war wenige Zentimeter vor ihm zum Stehen gekommen. Der Fahrer stieg aus.
"Ist dir etwas passiert? Bist du verletzt?“
Besorgt legte sie ihm einen Arm um die Schulter. Mit der anderen streichelte sie ihm übers Haar.
Der Mann kam auf sie zu. Sein Gesicht war bleich.
„Ich habe Sie erst im letzten Augenblick gesehen. Sind Sie in Ordnung?“
Aufgeregt hüpfte der Mann hin und her.
„Es geht schon. Mir ist nichts passiert“, sagte Markus mit dünner Stimme.
„Fehlt Ihnen wirklich nichts?“ wollte der Fahrer noch einmal wissen.
Er machte sich Vorwürfe, nicht vorsichtiger gefahren zu sein.
„Nein, wirklich, es ist alles in Ordnung. Sie können ruhig weiterfahren.“
Anita half ihrem Freund auf die Beine.
Der Mann war noch unschlüssig. Erst nachdem ihm auch die junge Frau gesagt hatte, er könne weiterfahren, stieg er in sein Auto und rollte davon.
„Es tut mir leid, dass ich dich gestoßen habe. Mein Gott, es hätte so viel passieren können. Du hättest schwer verletzt werden können. Aber ich war so wütend...“
„Schon vergessen. Verzeihst du mir auch noch einmal?“
„Ich weiß es nicht. Du hast mich schwer enttäuscht.“
Eine Frau, die das Quietschen gehört und schnell nachgesehen hatte, was passiert war, lauschte nun dem Gespräch des jungen Pärchens.
Arm in Arm gingen sie an der Frau vorüber, die hinter dem Gartentor stand.
„Na, alles mitbekommen? Da haben sie ja wieder einmal was zu tratschen!“ machte Markus die Frau an.
Mit rot anlaufendem Gesicht verzog sich die Frau ins Haus.
„Das war nicht fair.“
„Die Leute sind zu neugierig.“
Plötzlich schien zwischen den beiden die Welt wieder in Ordnung zu sein.
„Hey – du klingst, als hättest du mir vergeben.“
„Das habe ich.“
Bestätigend zu ihren Worten hatte Anita mit dem Kopf genickt.
„Ich werde dich nicht noch einmal enttäuschen.“
„Das hoffe ich. Solltest du es noch einmal tun, ist es zwischen uns aus. Für immer.“
Der drohende Unterton in Anitas Stimme blieb Markus nicht unbemerkt.
Das Wochenende lag wieder einmal hinter ihnen. Den Montag brachte Anita auch gut hinter sich. Da es zur Zeit nicht viel Arbeit im Büro gab, konnte sie gemütlich mir ihren Arbeitkolleginnen plaudern. So ging der Tag recht schnell vorüber. Außerdem konnte sie schon etwas vor Feierabend gehen. Diese Zeit wollte sie für ihre Einkäufe nutzen. Im Drogeriemarkt wollte Anita noch einen neuen Lippenstift besorgen.
Die Auswahl war groß. Doch schon nach kurzer Zeit hatte sie einen gefunden, dessen Farbe ihr gefiel. Da ihr Bus noch nicht so schnell kommen würde, wollte sie sich noch nach einer neuen Schallplatte umsehen. Die letzte hatte sie sich vor zwei Monaten gekauft.
Sie wanderte zwischen den Regalen entlang auf die Plattenabteilung zu. Diese lag etwas abgetrennt vom übrigen Verkaufsraum im hinteren Teil des Geschäftes. Rechts standen die Regale mit den Schallplatten. Geradeaus, etwas tiefer gelegen, war die Abteilung mit den CD’s.
Dort entdeckte sie ihren Freund. Er konnte sie nicht sehen, denn er stand mit dem Rücken zu ihr. Sie wollte schon hingehen; doch dann überlegte sie es sich anders. Sie beobachtete ihn. Nach ein paar Minuten kam er mit zwei leeren CD-Hüllen aus der Abteilung.
Anita bückte sich schnell hinter einem Regal auf den Boden. So konnte Markus sie nicht entdecken. Vorsichtig sah sie über das Regal.
An der Ausgabe ließ sich Markus die beiden Scheiben aushändigen, bedankte sich dafür und ging. Er wandte sich nicht der Kasse zu, sondern nach links. Er verschwand aus Anitas Blickfeld. Sie schlich zur Ecke des Regals und peilte dahinter hervor. Sie sah, wie Markus eine CD in seiner Jacke verschwinden ließ.
Anita bekam große Augen. Also doch, er klaut noch immer! Zweimal hatte sie ihm verziehen. Doch ein drittes Mal würde sie es nicht tun. Er missbrauchte ihr Vertrauen am laufenden Band. Dieses Mal sollte er für seine Tat büßen. Bestimmt würde er wieder mit einer Dose Creme ankommen. Anita eilte zur Kasse. Eine Dame hatte bezahlt und ging.
Die Kassiererin wartete auf neue Kunden. Anita sprach hastig auf die Frau ein:
„Hören Sie zu, da kommt gleich ein großer junger Mann mit blonden Haaren. Er trägt eine Jeansjacke und Jeans.“
Die Frau schien das wenig zu interessieren.
„Ja und?“
„Er versteckt in seiner Jacke eine CD. Er will sie stehlen.“
Jetzt wurde die Frau hellhörig.
„Das ist ganz sicher“ vergewisserte sie sich.
„Ich hab’ mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er eine CD in der Jacke verschwinden ließ.“
„Okay, den werde ich mir vorknöpfen. Darauf kannst du dich verlassen.“
Die korpulente Frau sprach mehr mit sich selbst als zu Anita.
„Danke.“
Gerade wollte Anita gehen, da ertönte hinter ihr die Stimme von Markus:
„Anita – du bist auch hier? Warte ich zahle nur schnell, dann können wir gemeinsam zur Bushaltestelle gehen.“
Er legte eine CD und eine Dose Creme auf das Laufband und holte seine Brieftasche aus der Hosentasche.
„Würden sie bitte ihre Jacke öffnen“, forderte ihn die Kassiererin in freundlichem Ton auf.
„Wie bitte?“
Markus tat so, als hätte er sich verhört.
„Sie haben gut verstanden. Oder soll ich es für Sie machen?“
„Warum sollte ich?“
Markus machte Anstalten, seine Jacke zu öffnen. Ein Kunde wurde aufmerksam. Er sah zur Kasse herüber.
„Na los, wird es bald?“
Die Frau hinter der Kasse stand auf. Markus tat, was ihm befohlen worden war. Die Compact Disc fiel zu Boden und die Hülle zersprang beim Aufprall.
„So, da haben wir einen, der stehlen wollte!“
„Ich...“
Er wandte sich Hilfe suchend um.
Ein nach Hilfe flehender Blick traf Anita. Ihr Gesicht verfinsterte sich. Sie trat auf Markus zu.
„Anita, ich...“
„Sag jetzt besser nichts, du Dieb. Ich habe dir zweimal vergeben.“
Jetzt wurde sie laut. Die Frau hinter der Kasse hörte aufmerksam zu.
„Weiß Gott, ob du es nicht schon öfters getan hast.“
Markus sah ihr nicht mehr in die Augen, sondern starrte zu Boden. Jetzt schrie Anita:
„Ich hasse dich dafür. Du hast mich immer wieder hintergangen und mein Vertrauen missbraucht. Das konnte ich nicht länger zulassen. Deshalb habe ich dich verraten.“ Sie verstummte und fing an zu weinen. Er sah sie wieder an.
„Du hast mich verraten? Ich kann es nicht glauben!“
„Glaube es ruhig.“
Einige Menschen hatten sich angesammelt und beobachteten das Geschehen. Der Geschäftsführer bahnte sich einen Weg durch die Masse, die immer näher herandrängte. Immer noch fassungslos schaute Markus Anita an.
„Wie konntest du nur“ Ich dachte, du liebst mich.“
„Das tue ich auch, immer noch. Steh zu deinen Fehlern und trage die Konsequenzen. Nur so kannst du unsere Beziehung vielleicht noch retten.“
Sie wandte sich ab und ging zur Tür. Die Worte des Geschäftsführer nahm Markus nicht wahr. Er schaute durch die Scheibe seiner Freundin nach. In dem Augenblick wusste er, wie viel sie ihm doch bedeutete.
Anita war sich nicht sicher, ob sie das Richtige getan hatte. Mit unsicheren Schritten ging sie die Straße entlang. Tränen rollten über ihre Wangen. Die Leere war wiedergekommen.
Von ihrer Umgebung bekam die junge Frau nicht viel mit. Gedankenversunken saß sie auf einer Bank.
„Hallo, du Träumerin.“
Anita wurde in die Realität zurückgerissen. Vor ihr stand ein großer junger Mann mit blondem Haar – ihr Freund Markus. Er lächelte sie an.
„Hallo.“
Er setzte sich zu ihr und begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange. Mehrere Jugendliche standen herum und schauten zu. Doch das störte die beiden Verliebten nicht.
„Wartest du schon lange?“ wollte Markus von seiner Freundin wissen.
„Etwa zehn Minuten. Der Bus kommt aber noch lange nicht. Es dauert bestimmt noch eine Viertelstunde. Was hältst du davon, wenn wir noch in den Müller gehen und schauen, was sie an neuen Platten da haben?“
„Keine schlechte Idee. Lass uns gehen.“
Sie standen auf. Anita warf sich den Riemen ihrer Tasche über die Schulter. Ineinandergehakt schlenderten sie den Gehweg entlang. Zum Drogeriemarkt Müller waren es nur knappe hundert Meter.
Im Laden war sehr viel los. Nach Büroschluss gingen etliche Leute noch schnell einkaufen. Auch Anita nutzte die Zeit nach Büroschluss für ihre Einkäufe. Sie arbeitete direkt in Calw, ihr Freund dagegen in Nagold. Ein Arbeitskollege nahm ihn immer bis nach Calw mit. Eine andere Möglichkeit, nach Hause zu kommen, gab es für Markus nicht. Er fand das auch nicht schlecht, so traf er jeden Tag seine Freundin. Wie immer begann Markus sofort damit, die CD’s von A bis Z durchzustöbern. Er hörte leidenschaftlich gerne Heavy Metal. Seine Freundin konnte er dafür nicht begeistern. Sie liebte mehr den Classic-Rock von Queen oder ELO. Hin und wieder gab es zwischen ihnen wegen der Musik kleinere Streitereien.
„Hey, sieh dir diese Scheibe an. Die ist ganz neu auf dem Markt. Die muß ich haben.“
„Schon wieder so eine Heavy-Gruppe. Na ja, es ist dein Geld.“
Auf ihre Bemerkung ging Markus nicht ein. Er nahm Anita am Arm. Gemeinsam gingen sie zur Plattenausgabe. Eine Verkäuferin bediente die Kunden.
„So, bitte schön, sagte die Frau, als sie Markus die CD aushändigte.
„Danke“, entgegnete er.
Er drehte sich nach seiner Freundin um. Sie war zu dem Regal mit den Sonderangeboten gegangen, direkt gegenüber des Ausgabetresens.
Er ging zu ihr hin und sagte:
„Wir sollten gehen.“
Anita hakte sich bei ihrem Freund ein. Durch die Gänge schritten sie in Richtung Kasse. Markus blickte sich um. Niemand beobachtete sie. Schnell steckte er die CD in das Innere seiner Jacke.
„Sag mal, spinnst du?“
„Sei ruhig“, zischte er.
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, stieß er mit den Ellenbogen leicht in Anitas Magengrube. Sie zuckte zusammen. Dann sagte er laut:
„Ach, das fällt mir ein – ich soll für meine Mutter noch Handcreme mitbringen. Wartest du hier?“
Eine Antwort wartete er nicht ab, sondern er ging nochmals zurück und suchte in den Regalen nach einer billigen Creme. Schnell fand er eine. Markus nahm sich eine Dose davon und ging dann zur Kasse. Als er an der Plattenabteilung vorbei kam, schielte er zu der Verkäuferin hinüber. Sie war gerade beschäftigt, sodass sie ihn nicht beachtete.
Das war gut so. Alles klappte wie am Schnürchen. Doch wo war seine Freundin? Er konnte sie nirgends entdecken.
„Das macht 2,69 DM“, sagte die Kassiererin.
Markus bezahlte und verließ das Geschäft.
Auf der Straße rollte der Feierabendverkehr vorbei. Markus ging den Weg zur Bushaltestelle zurück. Er lächelte. Es war so leicht gewesen die Scheibe zu stehlen. Wieso war er nicht früher darauf gekommen, wo er doch eine Menge Geld für CD’s aufbringen musste. Auf diese Art konnte er sich gut noch ein paar Scheiben organisieren. Zu oft wollte er es aber auch nicht machen. Höchstens alle zwei Wochen einmal.
Von weitem schon sah der junge Mann seine Freundin neben der Bank stehen. Er ging auf sie zu. Nach wenigen Metern hatte er sie erreicht.
„Warum hast du nicht auf mich gewartet?“
Langsam dreht das Mädchen den Kopf. Tränen standen ihr in den Augen.
„Wieso tust du so was? Das hätte ich nicht von dir gedacht!“
Ihre Stimme vibrierte leicht.
„Ist es denn so schlimm? Ich finde das nicht.“
Der Bus kam gerade. Anita ließ ihren Freund stehen und schritt auf das bremsende Fahrzeug zu. Als es stand, öffnete der Busfahrer die Tür. Anita ließ eine ältere Dame vor sich einsteigen und bestieg das Fahrzeug. Als sie den Gang entlangging, schaute sie aus dem Fenster. Markus stand immer noch bei der Bank. Er sah sie durch die Scheibe hindurch an. Vergeblich versuchte er, in Anitas Gesicht zu lesen. Sie wandte sich ab.
Der Bus verließ wenig später die Haltestelle. Markus hatte sich neben seine Freundin gesetzt.
„Nun sag mir doch, was mit dir los ist!“
„Du wagst es, mich das zu fragen? Du klaust bei Müller eine CD und fragst dann, was ich habe. Du musst wirklich einen Schuss an der Waffel haben.“
Verärgert schaute Anita aus dem Fenster. Die Sonne warf gerade ihre letzten Strahlen auf die im Tal liegende Stadt.
„Okay, okay. Könntest du aber bitte etwas leiser sprechen. Es müssen ja nicht gleich alle hier im Bus mitkriegen.“
Beschwichtigend legte er seine Hände auf die ihren. Sie ließ es zu. Keine Regung spürte er in ihren Händen.
„Am liebsten würde ich laut rausschreien, was du getan hast.“
Sie blickte ihn nur kurz in die Augen, um dann wieder das Leben draußen zu verfolgen. Markus sagte zwar noch etwas, doch sie hörte ihm nicht mehr zu.
Warum musste ausgerechnet ihr das passieren? Sie glaubte, in Markus einen Freund kennen gelernt zu haben, dem sie voll vertrauen konnte. Doch sie wurde enttäuscht. Nie hätte sie gedacht, dass er stehlen würde. Es schien ihm sogar Spaß gemacht zu haben. Doch genau das wollte ihr nicht in den Kopf. Sie hatte ihn immer für ehrlich gehalten. Er war zuvorkommend, half älteren Mitmenschen.
Doch nun wurde sie von der grausamen Realität eingeholt. Leer blickten ihre Augen in die Umgebung. Sie nahm kaum noch etwas wahr. Schon längst hatte der Bus Calw verlassen. Er war beinahe schon in Altburg angelangt.
„Hörst du mir überhaupt zu?“
Die Worte drangen in ihr Gehirn.
„Was hast du gesagt?“ fragte sie.
Ihr Kopf war wieder etwas klarer.
„Ich habe gesagt, ich verspreche dir, nie wieder zu stehlen.“
Markus sprach die Worte leise. Mit treuen Hundeaugen blickte er Anita an.
„Meinst du es auch wirklich ehrlich?“
„Ja, das meine ich. Verzeihst du mir noch einmal?“
„Das tue ich.“
Sie fiel ihrem Freund in die Arme und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Lange böse sein konnte sie ihm nicht, selbst nach dem, was er getan hatte. Doch ein Rest von Enttäuschung blieb in ihrem Herzen zurück. Dieser kleine Rest würde später der Auslöser für eine Tat sein, die sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht zugetraut hätte.
Zehn Minuten später hielt der Bus in Würzbach, ihrem Wohnort. Hier mussten sie aussteigen. Ein paar Tage später hatte Anita den Vorfall mit Markus fast schon wieder vergessen. Die letzten Abende hatte sie von einer Freundin Besuch bekommen. Die jungen Frauen hatten sich viele Neuigkeiten zu erzählen gehabt. Die Freundin war nur ein paar Tage geblieben. Sie wollte noch ihre Großeltern in Freiburg besuchen. Anita hatte dafür Verständnis. Den letzten gemeinsamen Abend ließ sie gerade noch einmal Revue passieren.
„Ist dieser Platz noch frei?“
Anita hatte aus dem Fenster gesehen und blickte sich nun verwirrt um.
„Hallo, Schatz. Ich dachte, du kommst heute gar nicht.“
„Es war auch ziemlich knapp. Mein Arbeitskollege hatte in Nagold noch etwas zu erledigen. Da ist es dann später geworden. Gerade aber noch rechtzeitig!“
Er hatte sich noch nicht gesetzt. Der Bus fuhr mit einem Ruck an. Markus verlor dadurch den Halt. Fast wäre er gestürzt. An der Kopflehne konnte er sich gerade noch festhalten.
Etwas fiel aus seiner Jacke. Anita konnte nicht erkennen, was es war. Mit einem Kleppern landete das Ding auf dem Boden zwischen den Sitzreihen. Sie bückte sich und suchte mit der rechten Hand den Boden ab. Fast sofort fand Anita es. Sie schloss die Finger darum und hob es auf: es war eine CD! Als sie die Scheibe sah, glaubte sie sofort, dass Markus sie wieder gestohlen hätte.
„Oh, nein!“
Die beiden Worte hatte ihr Freund ausgesprochen. Nun wusste es Anita genau. Er hatte wieder gestohlen! Wütend schleuderte sie ihm die CD entgegen. Markus konnte sie gerade noch vor seinem Bauch abfangen.
„Ich habe dir vertraut. Ich habe deinen Worten geglaubt. Doch du hast mein Vertrauen wieder missbraucht. Diesmal bist du zu weit gegangen.
„Ich...“
„Sag kein Wort mehr!“
Markus wollte sich neben Anita setzten. Doch das konnte sie in der Situation nicht zulassen.
„Verschwinde! Lass mich bloß in Ruhe!“
Verdutzt blieb der junge Mann stehen. Die anderen Fahrgäste schauten die zwei neugierig an.
In die Reihe hinter Anita setzte Markus sich hin. Er wagte es aber nicht, sie während der Fahrt nach Hause anzusprechen. Sie würde ihn nur anschreien. Er musste sich aber mit ihr aussprechen! Wie sollte er ihr nur erklären, was die Gründe für seine Diebstähle waren, welche Faszination davon ausging? Am Anfang hatte Markus gedacht, er hätte es unter Kontrolle. Doch das hatte nicht gestimmt. Eine unbekannte Macht hatte von ihm Besitz ergriffen. Es war inzwischen ein Zwang geworden, zu stehlen.
Für Anita schien eine Welt unterzugehen. Langsam zweifelte sie schon an sich selbst. Sie schien die Gabe, einen Menschen einschätzen zu können, verloren zu haben. Vielleicht hatte auch nur die Liebe zu Markus sie blind gemacht. Das sollte ihr aber nie wieder passieren. Mit Markus würde sie Schluss machen.
Die Landschaft lief wie ein Film an ihr vorüber. Es war etwas trübe. Den ganzen Tag schon standen Wolken am Himmel. Das Wetter passte genau zu Anitas Stimmung. In ihrem Innern war es trübe geworden. Nichts war mehr klar. Gedanken huschten vorüber. Manche standen seinen kurzen Augenblick klar an ihrem inneren Horizont und waren dann plötzlich wieder verschwunden. Sie wollte an die schönen Zeiten mit Markus denken, doch das konnte sie nicht. Wie ein Schleier hatten sich schwarze Wolken darüber gesenkt.
Sie begann leise zu weinen. Leere breitete sich in ihr aus. Eine Leere, wie sie sie zuvor noch nicht gekannt hatte.
Der Bus war in Würzbach angekommen.
„Willst du nicht aussteigen?“ fragte eine Stimme.
„Was?“
Die Realität hatte sie wieder. Im Gang neben ihrem Sitz stand Rolf. Ein Junge mit schwarzen Locken, der ebenfalls im Ort wohnte.
„Natürlich möchte ich aussteigen.“
„Sag mal, hast du geweint?“
„Das geht dich überhaupt nichts an. Verschwinde!“
Sie hatte die Worte hart ausgesprochen. Der Junge erschrak und sprang aus dem Bus.
„Hey, Rolfi“, schrie Anita hinter ihm her, als sie den Bus verlassen hatte, „ich habe es nicht so gemeint. Tut mir leid.“
Rolf, der schon ein Stück den Gehweg entlang gerannt war, blieb stehen und rief zurück:
„Ist schon vergessen. Tschüß“
Den Jungen mochte Anita. Er wohnte nur ein paar Häuser von ihr entfernt und spielte immer mit ihrer kleinen Schwester.
Anita ging um die Ecke. Da stand er.
„Hast du dich wieder etwas beruhigt?“ fragte Markus in ruhigem Ton.
Immer noch standen Gewitterwolken über Anita.
„Nein, das habe ich nicht!“
Sie brüllte die Worte. Sie musste jetzt einfach schreien. Der Hass, der in ihr war, musste raus.
„Himmel, glaub’ bloß nicht, dass deswegen die Welt untergeht.“
Markus stand unschlüssig das. Er wusste nicht, was er tun sollte. Langsam ging er auf Anita zu. Sie wich zurück.
„Du machst es dir einfach. Du klaust mal eben was und protzt damit auch noch rum. Du meinst, es ist cool. Doch das ist es nicht. Oh nein, Markus, das es ist es nicht, das ist es ganz und gar nicht! Das, was du getan hast, ist kriminell. Mit einem Kriminellen möchte ich aber nichts zu tun haben!“
Wieder kamen die Tränen. Denn in ihr war immer noch die Liebe. Das Feuer war nicht erloschen.
„Ich bitte dich.“
„Du hast mich belogen.“
„Warum sollte ich dich belügen?“
„Dein Arbeitskollege hatte überhaupt nichts in Nagold zu erledigen.“
Markus bekam ein mulmiges Gefühl im Magen.
„Es tut mir leid. Wirklich.“
Was sollte er sagen? Er wusste es nicht. Ihm war nur klar, dass er Anita nicht verloren wollte.
„Das ist alles, was du dazu zu sagen hast? Es tut dir leid? Du wirst es wieder tun. Immer und immer wieder. Das Feuer der Leidenschaft hat dich gepackt. Was wird das nächste sein – raubst du eine Bank aus?“
„Ich bitte dich, werde nicht albern.“
„Ich bin nicht albern!“ brüllte sie ihn an.
Die Tränen rannten über ihr Gesicht. Sie verbarg es hinter den Händen. Markus wollte Anita in die Arme nehmen, sie trösten. Doch sie wehrte sich. Sie stieß ihn mit ganzer Kraft von sich. Er torkelte zurück und stolperte.
Markus knickte mit dem Fuß am Bürgersteigrand um und fiel zu Boden. Er landete auf der Fahrbahn. Im gleichen Augenblick bog ein Auto um die Ecke.
Der Fahrer des Wagens erschrak. Vor ihm lag plötzlich ein Mann auf der Straße. Er trat voll auf die Bremse. Markus sah das Auto wie ein riesiges Ungeheuer auf sich zukommen und riss die Arme hoch. Anita erstarrte vor Schreck. Das Quietschen von Reifen hallte durch die Straße, gefolgt von einem Schrei. Dann war es still.
Anita löste sich aus der Erstarrung und rannte zu ihrem Freund. Das Auto war wenige Zentimeter vor ihm zum Stehen gekommen. Der Fahrer stieg aus.
"Ist dir etwas passiert? Bist du verletzt?“
Besorgt legte sie ihm einen Arm um die Schulter. Mit der anderen streichelte sie ihm übers Haar.
Der Mann kam auf sie zu. Sein Gesicht war bleich.
„Ich habe Sie erst im letzten Augenblick gesehen. Sind Sie in Ordnung?“
Aufgeregt hüpfte der Mann hin und her.
„Es geht schon. Mir ist nichts passiert“, sagte Markus mit dünner Stimme.
„Fehlt Ihnen wirklich nichts?“ wollte der Fahrer noch einmal wissen.
Er machte sich Vorwürfe, nicht vorsichtiger gefahren zu sein.
„Nein, wirklich, es ist alles in Ordnung. Sie können ruhig weiterfahren.“
Anita half ihrem Freund auf die Beine.
Der Mann war noch unschlüssig. Erst nachdem ihm auch die junge Frau gesagt hatte, er könne weiterfahren, stieg er in sein Auto und rollte davon.
„Es tut mir leid, dass ich dich gestoßen habe. Mein Gott, es hätte so viel passieren können. Du hättest schwer verletzt werden können. Aber ich war so wütend...“
„Schon vergessen. Verzeihst du mir auch noch einmal?“
„Ich weiß es nicht. Du hast mich schwer enttäuscht.“
Eine Frau, die das Quietschen gehört und schnell nachgesehen hatte, was passiert war, lauschte nun dem Gespräch des jungen Pärchens.
Arm in Arm gingen sie an der Frau vorüber, die hinter dem Gartentor stand.
„Na, alles mitbekommen? Da haben sie ja wieder einmal was zu tratschen!“ machte Markus die Frau an.
Mit rot anlaufendem Gesicht verzog sich die Frau ins Haus.
„Das war nicht fair.“
„Die Leute sind zu neugierig.“
Plötzlich schien zwischen den beiden die Welt wieder in Ordnung zu sein.
„Hey – du klingst, als hättest du mir vergeben.“
„Das habe ich.“
Bestätigend zu ihren Worten hatte Anita mit dem Kopf genickt.
„Ich werde dich nicht noch einmal enttäuschen.“
„Das hoffe ich. Solltest du es noch einmal tun, ist es zwischen uns aus. Für immer.“
Der drohende Unterton in Anitas Stimme blieb Markus nicht unbemerkt.
Das Wochenende lag wieder einmal hinter ihnen. Den Montag brachte Anita auch gut hinter sich. Da es zur Zeit nicht viel Arbeit im Büro gab, konnte sie gemütlich mir ihren Arbeitkolleginnen plaudern. So ging der Tag recht schnell vorüber. Außerdem konnte sie schon etwas vor Feierabend gehen. Diese Zeit wollte sie für ihre Einkäufe nutzen. Im Drogeriemarkt wollte Anita noch einen neuen Lippenstift besorgen.
Die Auswahl war groß. Doch schon nach kurzer Zeit hatte sie einen gefunden, dessen Farbe ihr gefiel. Da ihr Bus noch nicht so schnell kommen würde, wollte sie sich noch nach einer neuen Schallplatte umsehen. Die letzte hatte sie sich vor zwei Monaten gekauft.
Sie wanderte zwischen den Regalen entlang auf die Plattenabteilung zu. Diese lag etwas abgetrennt vom übrigen Verkaufsraum im hinteren Teil des Geschäftes. Rechts standen die Regale mit den Schallplatten. Geradeaus, etwas tiefer gelegen, war die Abteilung mit den CD’s.
Dort entdeckte sie ihren Freund. Er konnte sie nicht sehen, denn er stand mit dem Rücken zu ihr. Sie wollte schon hingehen; doch dann überlegte sie es sich anders. Sie beobachtete ihn. Nach ein paar Minuten kam er mit zwei leeren CD-Hüllen aus der Abteilung.
Anita bückte sich schnell hinter einem Regal auf den Boden. So konnte Markus sie nicht entdecken. Vorsichtig sah sie über das Regal.
An der Ausgabe ließ sich Markus die beiden Scheiben aushändigen, bedankte sich dafür und ging. Er wandte sich nicht der Kasse zu, sondern nach links. Er verschwand aus Anitas Blickfeld. Sie schlich zur Ecke des Regals und peilte dahinter hervor. Sie sah, wie Markus eine CD in seiner Jacke verschwinden ließ.
Anita bekam große Augen. Also doch, er klaut noch immer! Zweimal hatte sie ihm verziehen. Doch ein drittes Mal würde sie es nicht tun. Er missbrauchte ihr Vertrauen am laufenden Band. Dieses Mal sollte er für seine Tat büßen. Bestimmt würde er wieder mit einer Dose Creme ankommen. Anita eilte zur Kasse. Eine Dame hatte bezahlt und ging.
Die Kassiererin wartete auf neue Kunden. Anita sprach hastig auf die Frau ein:
„Hören Sie zu, da kommt gleich ein großer junger Mann mit blonden Haaren. Er trägt eine Jeansjacke und Jeans.“
Die Frau schien das wenig zu interessieren.
„Ja und?“
„Er versteckt in seiner Jacke eine CD. Er will sie stehlen.“
Jetzt wurde die Frau hellhörig.
„Das ist ganz sicher“ vergewisserte sie sich.
„Ich hab’ mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er eine CD in der Jacke verschwinden ließ.“
„Okay, den werde ich mir vorknöpfen. Darauf kannst du dich verlassen.“
Die korpulente Frau sprach mehr mit sich selbst als zu Anita.
„Danke.“
Gerade wollte Anita gehen, da ertönte hinter ihr die Stimme von Markus:
„Anita – du bist auch hier? Warte ich zahle nur schnell, dann können wir gemeinsam zur Bushaltestelle gehen.“
Er legte eine CD und eine Dose Creme auf das Laufband und holte seine Brieftasche aus der Hosentasche.
„Würden sie bitte ihre Jacke öffnen“, forderte ihn die Kassiererin in freundlichem Ton auf.
„Wie bitte?“
Markus tat so, als hätte er sich verhört.
„Sie haben gut verstanden. Oder soll ich es für Sie machen?“
„Warum sollte ich?“
Markus machte Anstalten, seine Jacke zu öffnen. Ein Kunde wurde aufmerksam. Er sah zur Kasse herüber.
„Na los, wird es bald?“
Die Frau hinter der Kasse stand auf. Markus tat, was ihm befohlen worden war. Die Compact Disc fiel zu Boden und die Hülle zersprang beim Aufprall.
„So, da haben wir einen, der stehlen wollte!“
„Ich...“
Er wandte sich Hilfe suchend um.
Ein nach Hilfe flehender Blick traf Anita. Ihr Gesicht verfinsterte sich. Sie trat auf Markus zu.
„Anita, ich...“
„Sag jetzt besser nichts, du Dieb. Ich habe dir zweimal vergeben.“
Jetzt wurde sie laut. Die Frau hinter der Kasse hörte aufmerksam zu.
„Weiß Gott, ob du es nicht schon öfters getan hast.“
Markus sah ihr nicht mehr in die Augen, sondern starrte zu Boden. Jetzt schrie Anita:
„Ich hasse dich dafür. Du hast mich immer wieder hintergangen und mein Vertrauen missbraucht. Das konnte ich nicht länger zulassen. Deshalb habe ich dich verraten.“ Sie verstummte und fing an zu weinen. Er sah sie wieder an.
„Du hast mich verraten? Ich kann es nicht glauben!“
„Glaube es ruhig.“
Einige Menschen hatten sich angesammelt und beobachteten das Geschehen. Der Geschäftsführer bahnte sich einen Weg durch die Masse, die immer näher herandrängte. Immer noch fassungslos schaute Markus Anita an.
„Wie konntest du nur“ Ich dachte, du liebst mich.“
„Das tue ich auch, immer noch. Steh zu deinen Fehlern und trage die Konsequenzen. Nur so kannst du unsere Beziehung vielleicht noch retten.“
Sie wandte sich ab und ging zur Tür. Die Worte des Geschäftsführer nahm Markus nicht wahr. Er schaute durch die Scheibe seiner Freundin nach. In dem Augenblick wusste er, wie viel sie ihm doch bedeutete.
Anita war sich nicht sicher, ob sie das Richtige getan hatte. Mit unsicheren Schritten ging sie die Straße entlang. Tränen rollten über ihre Wangen. Die Leere war wiedergekommen.
... link (0 Kommentare) ... comment