Montag, 8. April 2013
30. Kapitel

Am Wochenende nach dem Mittagessen nahm sie ihren Mut zusammen und fuhr nach Altburg. Ihre Eltern hielten das für keine gute Idee hielten ihre Tochter aber auch nicht davon ab. Schließlich war sie alt genug um zu wissen was sie tat.
Anita hoffte, dass Markus zu Hause war. Sie wollte ein letztes Gespräch mit ihm führen. Einige Dinge mit ihm klären und gleichzeitig lebe wohl sagen. Sie fand, dass es nun an der Zeit dafür war.
Mit gemischten Gefühlen hielt Anita vor dem Haus. Sie hatte immer noch die Schlüssel und benutzte sie nun. Als sie das Treppenhaus betrat und nach oben stieg, beschleunigte sich ihr Puls doch etwas. Vor der Wohnungstür blieb sie stehen und holte ein paar Mal tief Luft. Dann schloss sie die Tür auf und öffnete sie einen Spalt.
"Hallo!"
Keine Antwort.
Sie betrat den Korridor und schloss die Tür hinter sich. Es roch etwas muffig. Anscheinend war schon länger nicht mehr richtig gelüftet worden. Ihr fiel auch sofort die Unordnung auf. Überall standen leere Flaschen herum und Müll lag verstreut auf dem Boden. Das ließ Abscheu in ihr hoch kommen. So etwas war sie von Markus nicht gewöhnt. Früher war er immer sehr ordentlich gewesen.
"Markus, bist du da?"
Immer noch keine Antwort. Stille war in den Räumen.
Sie ging in das Wohnzimmer. Da saß er – zusammengekauert - ein Schatten seiner selbst - mehr oder weniger.
"Hallo Anita", flüsterte er mit dünner Stimme.
"Hallo."
Kälte herrschte in dem Raum. Auch hier herrschte Chaos und Unordnung.
"Komm' setzt dich. Möchtest du etwas zu trinken haben?"
"Danke, das wäre nett“ erwiderte sie aus purer Höflichkeit und setzte sich ans rechte Ende der Couch. Möglichst weit weg von Markus
Bisher hatte Anita nur auf den Boden gestarrt. Jetzt blickte sie kurz in seine Augen. Der Blick wirkte leer und entfernt. Markus wirkte abgemagert.
"Ich bin gekommen um noch einmal mit dir zu reden. In aller Ruhe zu reden."
"In Ordnung. Ich wollte dich auch schon anrufen. Bis jetzt brachte ich allerdings noch nicht den Mut auf. Du warst schneller als ich."
Markus stand auf und verschwand für kurze Zeit in der Küche. Dort hantierte er in einem Schrank, das war zu hören. Wenig später war er wieder zurück. Mit zwei Gläsern und einer Flasche Coca-Cola.
"Ich hoffe Coke ist in Ordnung."
"Ja."
Er schenkte in beide Gläser ein und stellte die Flasche anschließend auf den Boden neben dem Sofa.
"Ich möchte das so schnell wie möglich hinter mich bringen", begann Anita, "darum keine Geheimnisse mehr. Ich weiß du nimmst Drogen."
"Woher weißt du das?"
Markus war doch überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet.
"Das tut nichts zur Sache. Ich möchte nur von dir wissen - warum?"
"Wenn ich das so leicht beantworten könnte. Ich bin da so reingeschliddert."
"Das ist nicht zu glauben."
"Lass mich bitte weiter reden. Damals als ich gespielt habe bin ich in ziemlich üble Gesellschaft geraten. Eine Clique hat mich aufgenommen. Wir sind auch öfter in Discos gegangen. Dort nahmen die Jungs harmlose Aufputschmittel, wie sie mir versicherten. Deshalb probierte ich es auch. Es war nicht schlecht. Ich fühlte mich gut dabei. So steigerte es sich immer mehr. Als wir im Urlaub waren bin ich dann ganz ohne Drogen ausgekommen. Also dachte ich, dass ich alles unter Kontrolle habe. Dem war aber nicht so. Dadurch, dass wir die ganze Zeit zusammen waren, war ich abgelenkt, merkte gar nicht was mir fehlte. Dann kam wieder der ganz normale Stress auf der Arbeit. Dem wollte ich dann wieder entfliehen."
Ohne jede Emotion erzählte Markus. Seine Augen warfen einen Blick ins Leere. Fast schien es so, dass er die Gegenwart von Anita gar nicht richtig wahr nahm.
"An dem Abend als es dann eskalierte“, fragte sie dazwischen.
"Da hatte ich schlechtes Zeug erwischt. Ich war an einen Dealer geraten, der die Pillen mit irgendwelchen Mitteln gestreckt hatte. Es war grauenhaft. Mir wurde schlecht und so fuhr ich hierher. Ich wollte nur zu dir. Dann hatte ich plötzlich diesen Aussetzer."
"Du weißt nicht mehr was geschehen ist? Wie du mich halb tot geschlagen hast?"
Anita bekam wieder Wut im Bauch. Ihre Stimme wurde schrill.
"Du hast unser Kind getötet in dieser Nacht."
Das musste endlich in aller Deutlichkeit raus. Lange Zeit hatte sie die Wut auf Markus und was er ihr angetan hatte unterdrückt. Fast wäre sie auf ihn los gegangen konnte sich aber doch beherrschen. Markus duckte sich plötzlich und versteckte seinen Kopf zwischen den Knien unter seinen Armen.
"Bitte, ich will das nicht hören."
"Du wirst es dir aber anhören müssen!"
Anita konnte das Verhalten von Markus nicht ganz verstehen.
"Du zeigst nicht einmal Reue. Alles was du tust ist dich selbst zu bemitleiden."
"Das stimmt nicht. Ich würde alles Menschenmögliche der Welt tun, um das was geschehen ist rückgängig zu machen. Das kann ich aber nicht, Anita."
"Ja, ich verstehe. Du wirst aber auch sicher verstehen, dass ich die Anzeige gegen dich niemals zurück ziehen werde. Für das, was du mir und unserem Kind angetan hast wirst du gerade stehen müssen."
"Das ist mir klar und ich werde die Schuld auf mich nehmen. Zumindest das kann ich tun. Ich werde auch eine Drogentherapie machen."
"Das ist deine Entscheidung."
"Möchtest du die Wohnung behalten. Ich überlasse sie dir."
"Nein, auf keinen Fall werde ich die Wohnung behalten wollen. Hier erinnert mich zuviel an die Zeit mit dir und an das grausame Erlebnis. Meine restlichen Sachen werde ich in den nächsten Tagen abholen. Ich rufe dich an, denn ich wünsche, dass du in der Zeit nicht hier bist. Denn ich möchte dich nie wieder sehen. Hast du mich verstanden?"
"Ja, ist gut."
Anita stand auf und eilte in den Korridor. Markus folgte ihr. Sie drehte sich zu ihm um. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und sagte:
"Lebe wohl. Ich hoffe, dass du wieder glücklich wirst. Vielleicht kannst du mir eines Tages vergeben."
Anita verließ wortlos die Wohnung.
Die Tür fiel ins Schloss. Markus stand ganz allein im Flur. Es war vorbei. Endgültig vorbei.
Markus sah nur noch einen Haufen Scherben vor sich liegen.

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