Donnerstag, 21. März 2013
25. Kapitel

Nach über drei Wochen Krankenhausaufenthalt konnte Anita nach Hause entlassen werden. Ihre körperlichen Wunden waren weitgehend verheilt – ihre Seelischen dagegen noch lange nicht. Am Tag ihrer Entlassung hatte Tina Dienst. Diese freute sich sehr, dass Anita soweit wieder bei Gesundheit war, dass sie nach Hause konnte. Es war zwischen den beiden Frauen eine gewisse Freundschaft entstanden und Anita versprach Tina von sich hören zu lassen. Sie wollten sich in der Stadt treffen um gemeinsam Kaffee trinken zu gehen. Das würde noch etwas dauern. Im Moment fühlte sich Anita noch nicht dazu im Stande.
Ihre Mutter holte sie ab. Das hatten die Beiden am Vortag besprochen. Überpünktlich erschien Gerda. Glücklicherweise war der Arzt bereits zu einer letzten Visite da gewesen, hatte Anita nochmals untersucht und ihr noch ein paar Ratschläge zur weiteren Genesung gegeben. Jetzt konnte es direkt nach Hause gehen.
Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedete sich Tina von Anita. Gerda nahm die Tasche ihrer Tochter. Sie wollte nicht, dass Anita schwer trug. Diese verabschiedete sich noch von den anderen Krankenschwestern die gerade Dienst hatten.
Es war ein regnerischer Septembertag. Es stürmte und ein kalter Wind pfiff um die Häuserecken. Zum Glück hatte Gerda für ihre Tochter eine warme Jacke mitgebracht. Trotzdem holte sie das Auto und hielt gegenüber dem Eingang. Ihre Tochter wartete derweil hinter der Tür. Als ihre Mutter angehalten hatte ging Anita nach draußen, eilte durch den Regen zum Wagen und stieg ein.
„Was für ein mieses Wetter“, meinte Anita sarkastisch, „das passt ja zu meiner Stimmung.“
Auf diese Bemerkung ging ihre Mutter erst gar nicht ein sondern meinte:
"Du wohnst erst mal wieder bei uns.“
"Das ist mir ganz recht. Ich fühle mich immer noch nicht so gut“, erwiderte Anita, „ich habe mein Kind verloren. Das schmerzt am meisten.“
Die Fahrerin musste sich auf den Verkehr konzentrieren und nickte deshalb nur. Gerne hätte Gerda ihre Tochter in den Arm genommen, doch das ging im Moment nicht.
"Es wird noch eine ganze Zeit dauern bis du über den Verlust des Babys hinweg bist."
"Ich werde es nie vergessen."
Die vielen Gespräche mit dem Seelsorger hatten Anita geholfen den Schmerz zu verarbeiten. Langsam kam sie über den Verlust hinweg.
"Vergessen wirst du nie etwas. Es verblasst nur."
„Meinst du wirklich?“
„Ganz sicher, Liebes. Irgendwann wirst du eine glückliche Mutter sein. Davon bin ich überzeugt.“
„Das kann ich mir im Moment leider gar nicht vorstellen.“
Das Gespräch versiegte. Anita blickte durch die Scheibe der Beifahrertür in den Regen. Einzelne Nebelschwaden tauchten auf. Die Umgebung nahm sie gar nicht richtig wahr. Langsam versank sie in ihren Gedanken.
Kurze Zeit später kamen die Frauen in Würzbach an. Gerda parkte auf dem Stellplatz vorm Haus. Zum Glück hatte der Regen etwas nachgelassen. Sie stiegen aus und Gerda holte die Tasche ihrer Tochter aus dem Kofferraum. Schnell gingen die Zwei ins Haus um nicht allzu sehr nass zu werden.
Eine neugierige Nachbarin hatte die Szene beobachtet. Wahrscheinlich würde sie sich bei der nächsten Gelegenheit das Maul darüber zerreißen, was sie soeben gesehen hatte. Anita war das alles egal. Sie wollte nichts weiter als ihre Ruhe haben.

Anita hatte sich auf die Bank in der Küche gesetzt. Erinnerungen an glückliche Zeiten kamen dabei auf. Es tat gut an schöne Zeiten zu denken. Zeiten ohne Verlust und Enttäuschungen.
"Ich mach uns jetzt mal einen starken Kaffee."
"Das ist eine gute Idee", erwiderte Anita, "im Krankenhaus gab es immer nur Tee. Für die nächsten Jahre ist mein Bedarf daran gedeckt."
Gerda musste lachen und auch Anita lächelte.
"Siehst du, du kannst schon wieder lächeln. Es geht dir schon besser."
"Fühlen tue ich mich jedoch noch immer miserabel. Es ist aber schön erst mal bei euch zu sein.“
„Wir haben dich gerne bei uns. Schade, dass das Apartment gegenüber wieder vermietet ist. Es wäre schön, wenn du wieder dort wohnen würdest. Du hättest dein eigenes Reich wenn du dich zurück ziehen wolltest.“
„Wenn es mir noch etwas besser geht möchte ich wieder meine eigene Wohnung. Im Moment aber noch nicht. Nachts, wenn ich alleine bin bekomme ich manchmal Angst.“
Das konnte Gerda glauben. Sie wollte ihrer Tochter aber Mut machen.
"Das wird alles wieder werden, glaube mir. Die Zeit heilt Wunden. "
Anita glaubte es ihrer Mutter.

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