Donnerstag, 14. März 2013
22. Kapitel

Als Anita das nächste Mal erwachte wusste sie nicht wo sie sich befand, wie spät es war und was geschehen war. Die Frau fühlte eine Leere in sich, wie sie sie noch nie gefühlt hatte. Sie konnte wieder einigermaßen gut sehen. Langsam realisierte Anita, dass sie in einem Bett lag. Vorsichtig hob sie den Kopf an und drehte ihn nach rechts. Das tat etwas weh. Ein Fenster war zu sehen, ein Bild an der weißen Wand – mehr nicht. Dann drehte sie den Kopf nach links. Da stand ein Schrank und es gab eine Tür. Sie war offensichtlich allein in dem Raum. Wenig später öffnete sich eben jene Tür und eine Frau in weiß gekleidet kam zu ihr ins Zimmer. In dem Moment wurde Anita bewusst, dass sie wohl in einem Krankenhaus lag.
Mit einem Lächeln trat die Krankenschwester an das Bett und sagte:
"Willkommen zurück aus dem Land der Träume."
"Was ist passiert", fragte Anita mit leiser zittriger Stimme.
"Das wird ihnen später der Arzt sagen. Versuchen sie noch auszuruhen. Das haben sie dringend nötig."
Dagegen hatte Anita nichts. Sie war immer noch benebelt und es dauerte nicht lange bis sie wieder schlummerte. Sie hatte noch nicht einmal den Infusionsschlauch an ihrem linken Arm bemerkt.
Viel später wurde sie wieder durch ein Geräusch wach. Es war eine andere Schwester im Raum. Auch diese begrüßte sie nett.
"Ich habe solch einen Durst", brachte Anita mühsam hervor.
"Das glaube ich gerne. Fast den ganzen Tag haben sie geschlafen. Ich richte sie ein wenig auf."
Die Schwester machte sich an dem Bett zu schaffen in dem Anita lag.
"Ist es so gut?"
"Ja, das ist gut. Kann ich bitte etwas zu trinken bekommen."
"Ich hole Ihnen einen Becher. Laufen sie mir bitte aber nicht weg."
Die Schwester entfernte sich mit einem leisen Lachen.
"Das werde ich bestimmt nicht."
Dem Scherz konnte Anita in ihrer Situation nur wenig abgewinnen.
Schon wenig später war die Frau in Weiß mit dem Becher zurück.
"So, hier bringe ich schon Ihr Wasser. Langsam in kleinen Schlucken trinken."
Anita tat, was ihr befohlen wurde. Als der Becher ihre Lippen berührte spürte sie einen Schmerz. Es tat aber gut zu trinken. Sie hatte so einen trockenen Mund gehabt, doch nun war es besser. Das Sprechen fiel ihr leichter.
"Was ist passiert? Warum bin ich hier? Wer sind Sie?"
"So viele Fragen auf einmal. Sie sind aber ein neugieriges Ding. Nun ich bin Schwester Mary. Für die anderen Fragen hole ich Ihnen Doktor Bauer. Einverstanden?"
"Mir bleibt wohl keine andere Wahl."
"Wohl kaum."
Wieder entfernte sich die Schwester mit einem Lächeln. Die Frau schien ein sehr sonniges Gemüt zu haben. Anitas Gehirn begann zu arbeiten. Langsam kamen die Erinnerungen zurück. Sie wusste wieder, dass Markus nach Hause gekommen war, sie geschlagen hatte.
Doch dann - nur noch schwarz.
Sie war so in ihre Gedanken vertieft, dass Anita gar nicht merkte wie sich ein Arzt an ihr Bett setzte.
"Hallo, ich bin Doktor Bauer."
Die Frau zuckte leicht zusammen. Ein grauhaariger Mann saß auf der Bettkante.
"Oh, ich wollte sie nicht erschrecken."
"Ich war in Gedanken vertieft. Das ist nicht schlimm."
Der Arzt entschuldigte sich noch einmal und begann dann eine lange Unterhaltung mit Anita. Während des Gespräches wurde Anita immer ruhiger und entsetzter. Sie wollte einfach nicht glauben was sie zu hören bekam.
"Nach allem, was ich ihnen nun erzählt habe, sollten sie trotzdem versuchen zu schlafen. Das wird in ihrer Lage mit Sicherheit nicht einfach sein. Versuchen sie es trotzdem. Ruhe ist im Moment das Wichtigste."
"Das werde ich", brachte Anita gerade noch hervor. Tränen rannen über ihr Gesicht.
Der Arzt drückte leicht ihre Hand stand auf und entfernte sich.
Anita hörte noch wie er zu Schwester Mary sagte, sie solle sich besonders um Anita kümmern.
Später schlief sie dann ein. Nachdem sie erneut erwachte war wieder eine andere Krankenschwester da. Sie stellte sich als Tina vor.
Es gab etwas zu essen. Anita aß zwar nicht viel, fühlte sich danach aber wieder kräftiger.
So vergingen die nächsten Tage.
Ihre Eltern kamen sie besuchen und auch Elke schaute vorbei. Wann das genau war wusste sie später nicht mehr.

Gerda rannen Tränen übers Gesicht als sie ihre Tochter im Krankenbett liegen sah und auch ihr Vater, sonst eher ein fröhlicher Typ, machte eine besorgte Miene.
Für Anita war es ein Trost ihre Eltern bei sich zu haben. Hans hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, den er an das Bett heran gezogen hatte. Gerda dagegen saß auf dem Bett und hielt die ganze Zeit über Anitas Hand.
„Warum nur hat er das getan?“
„Ich weiß es nicht Mama. Er schien in der Nacht nicht er selbst gewesen zu sein.“
„Wieso. Ich kann das nicht begreifen. Du bist so ein gutes Kind, hast nie jemanden etwas Böses getan“, schluchzte Gerda.
„Es wird wieder werden“, meinte Hans.
Er stand auf und legte seine Arme auf die Schultern seiner Frau. Sie zitterte am Körper.
Anita war von dieser Szene ihrer Eltern berührt. Auch ihr liefen die Tränen übers Gesicht. Ohne jede Emotion sagte sie dann:
„Ich habe mein Baby verloren.“
Darauf waren ihre Eltern nicht gefasst und reagierten geschockt. Hans musste sich setzen und Gerda brach fast zusammen. Beide hatten sich so sehr auf das Enkelkind gefreut. Nur langsam konnte sich die Familie wieder beruhigen.
So sehr sie sich auch darüber freute, dass ihre Eltern bei ihr waren, es strengte sie an. Das merkten die Beiden auch und verabschiedeten sich bald darauf.

Anita kam wieder auf die Beine und machte kurze Spaziergänge über die Flure der Station auf der sie lag. Es ging ihr von nun an von Tag zu Tag besser. Den Verlust ihres Kindes verarbeitete sie nur langsam. Der Krankenhausseelsorger besuchte sie fast jeden Tag und sprach mit ihr. Das tat gut, bereitete aber gleichzeitig auch Schmerzen. Mit den Schwestern der Station freundete sich Anita an. Besonders die rothaarige Tina mochte sie. Über die Scherze die Krankenschwester Mary machte konnte sie nicht lachen. Die Frau meinte es sicherlich gut und wollte sie damit aufmuntern. Das funktionierte leider nicht. Die Zeit verging. Es war Herbst geworden.

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