Montag, 27. August 2012
Liebe ist keine Garantie
klauspfrommer, 21:38h
Der Verkehr rollte an der Bushaltestelle vorüber. Anita wartete auf den Bus. Nach acht Stunden Arbeit war sie wieder mal erledigt. Die Tätigkeit als Sachbearbeiterin im Versand machte ihr aber Spaß.
Von ihrer Umgebung bekam die junge Frau nicht viel mit. Gedankenversunken saß sie auf einer Bank.
„Hallo, du Träumerin.“
Anita wurde in die Realität zurückgerissen. Vor ihr stand ein großer junger Mann mit blondem Haar – ihr Freund Markus. Er lächelte sie an.
„Hallo.“
Er setzte sich zu ihr und begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange. Mehrere Jugendliche standen herum und schauten zu. Doch das störte die beiden Verliebten nicht.
„Wartest du schon lange?“ wollte Markus von seiner Freundin wissen.
„Etwa zehn Minuten. Der Bus kommt aber noch lange nicht. Es dauert bestimmt noch eine Viertelstunde. Was hältst du davon, wenn wir noch in den Müller gehen und schauen, was sie an neuen Platten da haben?“
„Keine schlechte Idee. Lass uns gehen.“
Sie standen auf. Anita warf sich den Riemen ihrer Tasche über die Schulter. Ineinandergehakt schlenderten sie den Gehweg entlang. Zum Drogeriemarkt Müller waren es nur knappe hundert Meter.
Im Laden war sehr viel los. Nach Büroschluss gingen etliche Leute noch schnell einkaufen. Auch Anita nutzte die Zeit nach Büroschluss für ihre Einkäufe. Sie arbeitete direkt in Calw, ihr Freund dagegen in Nagold. Ein Arbeitskollege nahm ihn immer bis nach Calw mit. Eine andere Möglichkeit, nach Hause zu kommen, gab es für Markus nicht. Er fand das auch nicht schlecht, so traf er jeden Tag seine Freundin. Wie immer begann Markus sofort damit, die CD’s von A bis Z durchzustöbern. Er hörte leidenschaftlich gerne Heavy Metal. Seine Freundin konnte er dafür nicht begeistern. Sie liebte mehr den Classic-Rock von Queen oder ELO. Hin und wieder gab es zwischen ihnen wegen der Musik kleinere Streitereien.
„Hey, sieh dir diese Scheibe an. Die ist ganz neu auf dem Markt. Die muß ich haben.“
„Schon wieder so eine Heavy-Gruppe. Na ja, es ist dein Geld.“
Auf ihre Bemerkung ging Markus nicht ein. Er nahm Anita am Arm. Gemeinsam gingen sie zur Plattenausgabe. Eine Verkäuferin bediente die Kunden.
„So, bitte schön, sagte die Frau, als sie Markus die CD aushändigte.
„Danke“, entgegnete er.
Er drehte sich nach seiner Freundin um. Sie war zu dem Regal mit den Sonderangeboten gegangen, direkt gegenüber des Ausgabetresens.
Er ging zu ihr hin und sagte:
„Wir sollten gehen.“
Anita hakte sich bei ihrem Freund ein. Durch die Gänge schritten sie in Richtung Kasse. Markus blickte sich um. Niemand beobachtete sie. Schnell steckte er die CD in das Innere seiner Jacke.
„Sag mal, spinnst du?“
„Sei ruhig“, zischte er.
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, stieß er mit den Ellenbogen leicht in Anitas Magengrube. Sie zuckte zusammen. Dann sagte er laut:
„Ach, das fällt mir ein – ich soll für meine Mutter noch Handcreme mitbringen. Wartest du hier?“
Eine Antwort wartete er nicht ab, sondern er ging nochmals zurück und suchte in den Regalen nach einer billigen Creme. Schnell fand er eine. Markus nahm sich eine Dose davon und ging dann zur Kasse. Als er an der Plattenabteilung vorbei kam, schielte er zu der Verkäuferin hinüber. Sie war gerade beschäftigt, sodass sie ihn nicht beachtete.
Das war gut so. Alles klappte wie am Schnürchen. Doch wo war seine Freundin? Er konnte sie nirgends entdecken.
„Das macht 2,69 DM“, sagte die Kassiererin.
Markus bezahlte und verließ das Geschäft.
Auf der Straße rollte der Feierabendverkehr vorbei. Markus ging den Weg zur Bushaltestelle zurück. Er lächelte. Es war so leicht gewesen die Scheibe zu stehlen. Wieso war er nicht früher darauf gekommen, wo er doch eine Menge Geld für CD’s aufbringen musste. Auf diese Art konnte er sich gut noch ein paar Scheiben organisieren. Zu oft wollte er es aber auch nicht machen. Höchstens alle zwei Wochen einmal.
Von weitem schon sah der junge Mann seine Freundin neben der Bank stehen. Er ging auf sie zu. Nach wenigen Metern hatte er sie erreicht.
„Warum hast du nicht auf mich gewartet?“
Langsam dreht das Mädchen den Kopf. Tränen standen ihr in den Augen.
„Wieso tust du so was? Das hätte ich nicht von dir gedacht!“
Ihre Stimme vibrierte leicht.
„Ist es denn so schlimm? Ich finde das nicht.“
Der Bus kam gerade. Anita ließ ihren Freund stehen und schritt auf das bremsende Fahrzeug zu. Als es stand, öffnete der Busfahrer die Tür. Anita ließ eine ältere Dame vor sich einsteigen und bestieg das Fahrzeug. Als sie den Gang entlangging, schaute sie aus dem Fenster. Markus stand immer noch bei der Bank. Er sah sie durch die Scheibe hindurch an. Vergeblich versuchte er, in Anitas Gesicht zu lesen. Sie wandte sich ab.
Der Bus verließ wenig später die Haltestelle. Markus hatte sich neben seine Freundin gesetzt.
„Nun sag mir doch, was mit dir los ist!“
„Du wagst es, mich das zu fragen? Du klaust bei Müller eine CD und fragst dann, was ich habe. Du musst wirklich einen Schuss an der Waffel haben.“
Verärgert schaute Anita aus dem Fenster. Die Sonne warf gerade ihre letzten Strahlen auf die im Tal liegende Stadt.
„Okay, okay. Könntest du aber bitte etwas leiser sprechen. Es müssen ja nicht gleich alle hier im Bus mitkriegen.“
Beschwichtigend legte er seine Hände auf die ihren. Sie ließ es zu. Keine Regung spürte er in ihren Händen.
„Am liebsten würde ich laut rausschreien, was du getan hast.“
Sie blickte ihn nur kurz in die Augen, um dann wieder das Leben draußen zu verfolgen. Markus sagte zwar noch etwas, doch sie hörte ihm nicht mehr zu.
Warum musste ausgerechnet ihr das passieren? Sie glaubte, in Markus einen Freund kennen gelernt zu haben, dem sie voll vertrauen konnte. Doch sie wurde enttäuscht. Nie hätte sie gedacht, dass er stehlen würde. Es schien ihm sogar Spaß gemacht zu haben. Doch genau das wollte ihr nicht in den Kopf. Sie hatte ihn immer für ehrlich gehalten. Er war zuvorkommend, half älteren Mitmenschen.
Doch nun wurde sie von der grausamen Realität eingeholt. Leer blickten ihre Augen in die Umgebung. Sie nahm kaum noch etwas wahr. Schon längst hatte der Bus Calw verlassen. Er war beinahe schon in Altburg angelangt.
„Hörst du mir überhaupt zu?“
Die Worte drangen in ihr Gehirn.
„Was hast du gesagt?“ fragte sie.
Ihr Kopf war wieder etwas klarer.
„Ich habe gesagt, ich verspreche dir, nie wieder zu stehlen.“
Markus sprach die Worte leise. Mit treuen Hundeaugen blickte er Anita an.
„Meinst du es auch wirklich ehrlich?“
„Ja, das meine ich. Verzeihst du mir noch einmal?“
„Das tue ich.“
Sie fiel ihrem Freund in die Arme und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Lange böse sein konnte sie ihm nicht, selbst nach dem, was er getan hatte. Doch ein Rest von Enttäuschung blieb in ihrem Herzen zurück. Dieser kleine Rest würde später der Auslöser für eine Tat sein, die sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht zugetraut hätte.
Zehn Minuten später hielt der Bus in Würzbach, ihrem Wohnort. Hier mussten sie aussteigen. Ein paar Tage später hatte Anita den Vorfall mit Markus fast schon wieder vergessen. Die letzten Abende hatte sie von einer Freundin Besuch bekommen. Die jungen Frauen hatten sich viele Neuigkeiten zu erzählen gehabt. Die Freundin war nur ein paar Tage geblieben. Sie wollte noch ihre Großeltern in Freiburg besuchen. Anita hatte dafür Verständnis. Den letzten gemeinsamen Abend ließ sie gerade noch einmal Revue passieren.
„Ist dieser Platz noch frei?“
Anita hatte aus dem Fenster gesehen und blickte sich nun verwirrt um.
„Hallo, Schatz. Ich dachte, du kommst heute gar nicht.“
„Es war auch ziemlich knapp. Mein Arbeitskollege hatte in Nagold noch etwas zu erledigen. Da ist es dann später geworden. Gerade aber noch rechtzeitig!“
Er hatte sich noch nicht gesetzt. Der Bus fuhr mit einem Ruck an. Markus verlor dadurch den Halt. Fast wäre er gestürzt. An der Kopflehne konnte er sich gerade noch festhalten.
Etwas fiel aus seiner Jacke. Anita konnte nicht erkennen, was es war. Mit einem Kleppern landete das Ding auf dem Boden zwischen den Sitzreihen. Sie bückte sich und suchte mit der rechten Hand den Boden ab. Fast sofort fand Anita es. Sie schloss die Finger darum und hob es auf: es war eine CD! Als sie die Scheibe sah, glaubte sie sofort, dass Markus sie wieder gestohlen hätte.
„Oh, nein!“
Die beiden Worte hatte ihr Freund ausgesprochen. Nun wusste es Anita genau. Er hatte wieder gestohlen! Wütend schleuderte sie ihm die CD entgegen. Markus konnte sie gerade noch vor seinem Bauch abfangen.
„Ich habe dir vertraut. Ich habe deinen Worten geglaubt. Doch du hast mein Vertrauen wieder missbraucht. Diesmal bist du zu weit gegangen.
„Ich...“
„Sag kein Wort mehr!“
Markus wollte sich neben Anita setzten. Doch das konnte sie in der Situation nicht zulassen.
„Verschwinde! Lass mich bloß in Ruhe!“
Verdutzt blieb der junge Mann stehen. Die anderen Fahrgäste schauten die zwei neugierig an.
In die Reihe hinter Anita setzte Markus sich hin. Er wagte es aber nicht, sie während der Fahrt nach Hause anzusprechen. Sie würde ihn nur anschreien. Er musste sich aber mit ihr aussprechen! Wie sollte er ihr nur erklären, was die Gründe für seine Diebstähle waren, welche Faszination davon ausging? Am Anfang hatte Markus gedacht, er hätte es unter Kontrolle. Doch das hatte nicht gestimmt. Eine unbekannte Macht hatte von ihm Besitz ergriffen. Es war inzwischen ein Zwang geworden, zu stehlen.
Für Anita schien eine Welt unterzugehen. Langsam zweifelte sie schon an sich selbst. Sie schien die Gabe, einen Menschen einschätzen zu können, verloren zu haben. Vielleicht hatte auch nur die Liebe zu Markus sie blind gemacht. Das sollte ihr aber nie wieder passieren. Mit Markus würde sie Schluss machen.
Die Landschaft lief wie ein Film an ihr vorüber. Es war etwas trübe. Den ganzen Tag schon standen Wolken am Himmel. Das Wetter passte genau zu Anitas Stimmung. In ihrem Innern war es trübe geworden. Nichts war mehr klar. Gedanken huschten vorüber. Manche standen seinen kurzen Augenblick klar an ihrem inneren Horizont und waren dann plötzlich wieder verschwunden. Sie wollte an die schönen Zeiten mit Markus denken, doch das konnte sie nicht. Wie ein Schleier hatten sich schwarze Wolken darüber gesenkt.
Sie begann leise zu weinen. Leere breitete sich in ihr aus. Eine Leere, wie sie sie zuvor noch nicht gekannt hatte.
Der Bus war in Würzbach angekommen.
„Willst du nicht aussteigen?“ fragte eine Stimme.
„Was?“
Die Realität hatte sie wieder. Im Gang neben ihrem Sitz stand Rolf. Ein Junge mit schwarzen Locken, der ebenfalls im Ort wohnte.
„Natürlich möchte ich aussteigen.“
„Sag mal, hast du geweint?“
„Das geht dich überhaupt nichts an. Verschwinde!“
Sie hatte die Worte hart ausgesprochen. Der Junge erschrak und sprang aus dem Bus.
„Hey, Rolfi“, schrie Anita hinter ihm her, als sie den Bus verlassen hatte, „ich habe es nicht so gemeint. Tut mir leid.“
Rolf, der schon ein Stück den Gehweg entlang gerannt war, blieb stehen und rief zurück:
„Ist schon vergessen. Tschüß“
Den Jungen mochte Anita. Er wohnte nur ein paar Häuser von ihr entfernt und spielte immer mit ihrer kleinen Schwester.
Anita ging um die Ecke. Da stand er.
„Hast du dich wieder etwas beruhigt?“ fragte Markus in ruhigem Ton.
Immer noch standen Gewitterwolken über Anita.
„Nein, das habe ich nicht!“
Sie brüllte die Worte. Sie musste jetzt einfach schreien. Der Hass, der in ihr war, musste raus.
„Himmel, glaub’ bloß nicht, dass deswegen die Welt untergeht.“
Markus stand unschlüssig das. Er wusste nicht, was er tun sollte. Langsam ging er auf Anita zu. Sie wich zurück.
„Du machst es dir einfach. Du klaust mal eben was und protzt damit auch noch rum. Du meinst, es ist cool. Doch das ist es nicht. Oh nein, Markus, das es ist es nicht, das ist es ganz und gar nicht! Das, was du getan hast, ist kriminell. Mit einem Kriminellen möchte ich aber nichts zu tun haben!“
Wieder kamen die Tränen. Denn in ihr war immer noch die Liebe. Das Feuer war nicht erloschen.
„Ich bitte dich.“
„Du hast mich belogen.“
„Warum sollte ich dich belügen?“
„Dein Arbeitskollege hatte überhaupt nichts in Nagold zu erledigen.“
Markus bekam ein mulmiges Gefühl im Magen.
„Es tut mir leid. Wirklich.“
Was sollte er sagen? Er wusste es nicht. Ihm war nur klar, dass er Anita nicht verloren wollte.
„Das ist alles, was du dazu zu sagen hast? Es tut dir leid? Du wirst es wieder tun. Immer und immer wieder. Das Feuer der Leidenschaft hat dich gepackt. Was wird das nächste sein – raubst du eine Bank aus?“
„Ich bitte dich, werde nicht albern.“
„Ich bin nicht albern!“ brüllte sie ihn an.
Die Tränen rannten über ihr Gesicht. Sie verbarg es hinter den Händen. Markus wollte Anita in die Arme nehmen, sie trösten. Doch sie wehrte sich. Sie stieß ihn mit ganzer Kraft von sich. Er torkelte zurück und stolperte.
Markus knickte mit dem Fuß am Bürgersteigrand um und fiel zu Boden. Er landete auf der Fahrbahn. Im gleichen Augenblick bog ein Auto um die Ecke.
Der Fahrer des Wagens erschrak. Vor ihm lag plötzlich ein Mann auf der Straße. Er trat voll auf die Bremse. Markus sah das Auto wie ein riesiges Ungeheuer auf sich zukommen und riss die Arme hoch. Anita erstarrte vor Schreck. Das Quietschen von Reifen hallte durch die Straße, gefolgt von einem Schrei. Dann war es still.
Anita löste sich aus der Erstarrung und rannte zu ihrem Freund. Das Auto war wenige Zentimeter vor ihm zum Stehen gekommen. Der Fahrer stieg aus.
"Ist dir etwas passiert? Bist du verletzt?“
Besorgt legte sie ihm einen Arm um die Schulter. Mit der anderen streichelte sie ihm übers Haar.
Der Mann kam auf sie zu. Sein Gesicht war bleich.
„Ich habe Sie erst im letzten Augenblick gesehen. Sind Sie in Ordnung?“
Aufgeregt hüpfte der Mann hin und her.
„Es geht schon. Mir ist nichts passiert“, sagte Markus mit dünner Stimme.
„Fehlt Ihnen wirklich nichts?“ wollte der Fahrer noch einmal wissen.
Er machte sich Vorwürfe, nicht vorsichtiger gefahren zu sein.
„Nein, wirklich, es ist alles in Ordnung. Sie können ruhig weiterfahren.“
Anita half ihrem Freund auf die Beine.
Der Mann war noch unschlüssig. Erst nachdem ihm auch die junge Frau gesagt hatte, er könne weiterfahren, stieg er in sein Auto und rollte davon.
„Es tut mir leid, dass ich dich gestoßen habe. Mein Gott, es hätte so viel passieren können. Du hättest schwer verletzt werden können. Aber ich war so wütend...“
„Schon vergessen. Verzeihst du mir auch noch einmal?“
„Ich weiß es nicht. Du hast mich schwer enttäuscht.“
Eine Frau, die das Quietschen gehört und schnell nachgesehen hatte, was passiert war, lauschte nun dem Gespräch des jungen Pärchens.
Arm in Arm gingen sie an der Frau vorüber, die hinter dem Gartentor stand.
„Na, alles mitbekommen? Da haben sie ja wieder einmal was zu tratschen!“ machte Markus die Frau an.
Mit rot anlaufendem Gesicht verzog sich die Frau ins Haus.
„Das war nicht fair.“
„Die Leute sind zu neugierig.“
Plötzlich schien zwischen den beiden die Welt wieder in Ordnung zu sein.
„Hey – du klingst, als hättest du mir vergeben.“
„Das habe ich.“
Bestätigend zu ihren Worten hatte Anita mit dem Kopf genickt.
„Ich werde dich nicht noch einmal enttäuschen.“
„Das hoffe ich. Solltest du es noch einmal tun, ist es zwischen uns aus. Für immer.“
Der drohende Unterton in Anitas Stimme blieb Markus nicht unbemerkt.
Das Wochenende lag wieder einmal hinter ihnen. Den Montag brachte Anita auch gut hinter sich. Da es zur Zeit nicht viel Arbeit im Büro gab, konnte sie gemütlich mir ihren Arbeitkolleginnen plaudern. So ging der Tag recht schnell vorüber. Außerdem konnte sie schon etwas vor Feierabend gehen. Diese Zeit wollte sie für ihre Einkäufe nutzen. Im Drogeriemarkt wollte Anita noch einen neuen Lippenstift besorgen.
Die Auswahl war groß. Doch schon nach kurzer Zeit hatte sie einen gefunden, dessen Farbe ihr gefiel. Da ihr Bus noch nicht so schnell kommen würde, wollte sie sich noch nach einer neuen Schallplatte umsehen. Die letzte hatte sie sich vor zwei Monaten gekauft.
Sie wanderte zwischen den Regalen entlang auf die Plattenabteilung zu. Diese lag etwas abgetrennt vom übrigen Verkaufsraum im hinteren Teil des Geschäftes. Rechts standen die Regale mit den Schallplatten. Geradeaus, etwas tiefer gelegen, war die Abteilung mit den CD’s.
Dort entdeckte sie ihren Freund. Er konnte sie nicht sehen, denn er stand mit dem Rücken zu ihr. Sie wollte schon hingehen; doch dann überlegte sie es sich anders. Sie beobachtete ihn. Nach ein paar Minuten kam er mit zwei leeren CD-Hüllen aus der Abteilung.
Anita bückte sich schnell hinter einem Regal auf den Boden. So konnte Markus sie nicht entdecken. Vorsichtig sah sie über das Regal.
An der Ausgabe ließ sich Markus die beiden Scheiben aushändigen, bedankte sich dafür und ging. Er wandte sich nicht der Kasse zu, sondern nach links. Er verschwand aus Anitas Blickfeld. Sie schlich zur Ecke des Regals und peilte dahinter hervor. Sie sah, wie Markus eine CD in seiner Jacke verschwinden ließ.
Anita bekam große Augen. Also doch, er klaut noch immer! Zweimal hatte sie ihm verziehen. Doch ein drittes Mal würde sie es nicht tun. Er missbrauchte ihr Vertrauen am laufenden Band. Dieses Mal sollte er für seine Tat büßen. Bestimmt würde er wieder mit einer Dose Creme ankommen. Anita eilte zur Kasse. Eine Dame hatte bezahlt und ging.
Die Kassiererin wartete auf neue Kunden. Anita sprach hastig auf die Frau ein:
„Hören Sie zu, da kommt gleich ein großer junger Mann mit blonden Haaren. Er trägt eine Jeansjacke und Jeans.“
Die Frau schien das wenig zu interessieren.
„Ja und?“
„Er versteckt in seiner Jacke eine CD. Er will sie stehlen.“
Jetzt wurde die Frau hellhörig.
„Das ist ganz sicher“ vergewisserte sie sich.
„Ich hab’ mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er eine CD in der Jacke verschwinden ließ.“
„Okay, den werde ich mir vorknöpfen. Darauf kannst du dich verlassen.“
Die korpulente Frau sprach mehr mit sich selbst als zu Anita.
„Danke.“
Gerade wollte Anita gehen, da ertönte hinter ihr die Stimme von Markus:
„Anita – du bist auch hier? Warte ich zahle nur schnell, dann können wir gemeinsam zur Bushaltestelle gehen.“
Er legte eine CD und eine Dose Creme auf das Laufband und holte seine Brieftasche aus der Hosentasche.
„Würden sie bitte ihre Jacke öffnen“, forderte ihn die Kassiererin in freundlichem Ton auf.
„Wie bitte?“
Markus tat so, als hätte er sich verhört.
„Sie haben gut verstanden. Oder soll ich es für Sie machen?“
„Warum sollte ich?“
Markus machte Anstalten, seine Jacke zu öffnen. Ein Kunde wurde aufmerksam. Er sah zur Kasse herüber.
„Na los, wird es bald?“
Die Frau hinter der Kasse stand auf. Markus tat, was ihm befohlen worden war. Die Compact Disc fiel zu Boden und die Hülle zersprang beim Aufprall.
„So, da haben wir einen, der stehlen wollte!“
„Ich...“
Er wandte sich Hilfe suchend um.
Ein nach Hilfe flehender Blick traf Anita. Ihr Gesicht verfinsterte sich. Sie trat auf Markus zu.
„Anita, ich...“
„Sag jetzt besser nichts, du Dieb. Ich habe dir zweimal vergeben.“
Jetzt wurde sie laut. Die Frau hinter der Kasse hörte aufmerksam zu.
„Weiß Gott, ob du es nicht schon öfters getan hast.“
Markus sah ihr nicht mehr in die Augen, sondern starrte zu Boden. Jetzt schrie Anita:
„Ich hasse dich dafür. Du hast mich immer wieder hintergangen und mein Vertrauen missbraucht. Das konnte ich nicht länger zulassen. Deshalb habe ich dich verraten.“ Sie verstummte und fing an zu weinen. Er sah sie wieder an.
„Du hast mich verraten? Ich kann es nicht glauben!“
„Glaube es ruhig.“
Einige Menschen hatten sich angesammelt und beobachteten das Geschehen. Der Geschäftsführer bahnte sich einen Weg durch die Masse, die immer näher herandrängte. Immer noch fassungslos schaute Markus Anita an.
„Wie konntest du nur“ Ich dachte, du liebst mich.“
„Das tue ich auch, immer noch. Steh zu deinen Fehlern und trage die Konsequenzen. Nur so kannst du unsere Beziehung vielleicht noch retten.“
Sie wandte sich ab und ging zur Tür. Die Worte des Geschäftsführer nahm Markus nicht wahr. Er schaute durch die Scheibe seiner Freundin nach. In dem Augenblick wusste er, wie viel sie ihm doch bedeutete.
Anita war sich nicht sicher, ob sie das Richtige getan hatte. Mit unsicheren Schritten ging sie die Straße entlang. Tränen rollten über ihre Wangen. Die Leere war wiedergekommen.
Von ihrer Umgebung bekam die junge Frau nicht viel mit. Gedankenversunken saß sie auf einer Bank.
„Hallo, du Träumerin.“
Anita wurde in die Realität zurückgerissen. Vor ihr stand ein großer junger Mann mit blondem Haar – ihr Freund Markus. Er lächelte sie an.
„Hallo.“
Er setzte sich zu ihr und begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange. Mehrere Jugendliche standen herum und schauten zu. Doch das störte die beiden Verliebten nicht.
„Wartest du schon lange?“ wollte Markus von seiner Freundin wissen.
„Etwa zehn Minuten. Der Bus kommt aber noch lange nicht. Es dauert bestimmt noch eine Viertelstunde. Was hältst du davon, wenn wir noch in den Müller gehen und schauen, was sie an neuen Platten da haben?“
„Keine schlechte Idee. Lass uns gehen.“
Sie standen auf. Anita warf sich den Riemen ihrer Tasche über die Schulter. Ineinandergehakt schlenderten sie den Gehweg entlang. Zum Drogeriemarkt Müller waren es nur knappe hundert Meter.
Im Laden war sehr viel los. Nach Büroschluss gingen etliche Leute noch schnell einkaufen. Auch Anita nutzte die Zeit nach Büroschluss für ihre Einkäufe. Sie arbeitete direkt in Calw, ihr Freund dagegen in Nagold. Ein Arbeitskollege nahm ihn immer bis nach Calw mit. Eine andere Möglichkeit, nach Hause zu kommen, gab es für Markus nicht. Er fand das auch nicht schlecht, so traf er jeden Tag seine Freundin. Wie immer begann Markus sofort damit, die CD’s von A bis Z durchzustöbern. Er hörte leidenschaftlich gerne Heavy Metal. Seine Freundin konnte er dafür nicht begeistern. Sie liebte mehr den Classic-Rock von Queen oder ELO. Hin und wieder gab es zwischen ihnen wegen der Musik kleinere Streitereien.
„Hey, sieh dir diese Scheibe an. Die ist ganz neu auf dem Markt. Die muß ich haben.“
„Schon wieder so eine Heavy-Gruppe. Na ja, es ist dein Geld.“
Auf ihre Bemerkung ging Markus nicht ein. Er nahm Anita am Arm. Gemeinsam gingen sie zur Plattenausgabe. Eine Verkäuferin bediente die Kunden.
„So, bitte schön, sagte die Frau, als sie Markus die CD aushändigte.
„Danke“, entgegnete er.
Er drehte sich nach seiner Freundin um. Sie war zu dem Regal mit den Sonderangeboten gegangen, direkt gegenüber des Ausgabetresens.
Er ging zu ihr hin und sagte:
„Wir sollten gehen.“
Anita hakte sich bei ihrem Freund ein. Durch die Gänge schritten sie in Richtung Kasse. Markus blickte sich um. Niemand beobachtete sie. Schnell steckte er die CD in das Innere seiner Jacke.
„Sag mal, spinnst du?“
„Sei ruhig“, zischte er.
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, stieß er mit den Ellenbogen leicht in Anitas Magengrube. Sie zuckte zusammen. Dann sagte er laut:
„Ach, das fällt mir ein – ich soll für meine Mutter noch Handcreme mitbringen. Wartest du hier?“
Eine Antwort wartete er nicht ab, sondern er ging nochmals zurück und suchte in den Regalen nach einer billigen Creme. Schnell fand er eine. Markus nahm sich eine Dose davon und ging dann zur Kasse. Als er an der Plattenabteilung vorbei kam, schielte er zu der Verkäuferin hinüber. Sie war gerade beschäftigt, sodass sie ihn nicht beachtete.
Das war gut so. Alles klappte wie am Schnürchen. Doch wo war seine Freundin? Er konnte sie nirgends entdecken.
„Das macht 2,69 DM“, sagte die Kassiererin.
Markus bezahlte und verließ das Geschäft.
Auf der Straße rollte der Feierabendverkehr vorbei. Markus ging den Weg zur Bushaltestelle zurück. Er lächelte. Es war so leicht gewesen die Scheibe zu stehlen. Wieso war er nicht früher darauf gekommen, wo er doch eine Menge Geld für CD’s aufbringen musste. Auf diese Art konnte er sich gut noch ein paar Scheiben organisieren. Zu oft wollte er es aber auch nicht machen. Höchstens alle zwei Wochen einmal.
Von weitem schon sah der junge Mann seine Freundin neben der Bank stehen. Er ging auf sie zu. Nach wenigen Metern hatte er sie erreicht.
„Warum hast du nicht auf mich gewartet?“
Langsam dreht das Mädchen den Kopf. Tränen standen ihr in den Augen.
„Wieso tust du so was? Das hätte ich nicht von dir gedacht!“
Ihre Stimme vibrierte leicht.
„Ist es denn so schlimm? Ich finde das nicht.“
Der Bus kam gerade. Anita ließ ihren Freund stehen und schritt auf das bremsende Fahrzeug zu. Als es stand, öffnete der Busfahrer die Tür. Anita ließ eine ältere Dame vor sich einsteigen und bestieg das Fahrzeug. Als sie den Gang entlangging, schaute sie aus dem Fenster. Markus stand immer noch bei der Bank. Er sah sie durch die Scheibe hindurch an. Vergeblich versuchte er, in Anitas Gesicht zu lesen. Sie wandte sich ab.
Der Bus verließ wenig später die Haltestelle. Markus hatte sich neben seine Freundin gesetzt.
„Nun sag mir doch, was mit dir los ist!“
„Du wagst es, mich das zu fragen? Du klaust bei Müller eine CD und fragst dann, was ich habe. Du musst wirklich einen Schuss an der Waffel haben.“
Verärgert schaute Anita aus dem Fenster. Die Sonne warf gerade ihre letzten Strahlen auf die im Tal liegende Stadt.
„Okay, okay. Könntest du aber bitte etwas leiser sprechen. Es müssen ja nicht gleich alle hier im Bus mitkriegen.“
Beschwichtigend legte er seine Hände auf die ihren. Sie ließ es zu. Keine Regung spürte er in ihren Händen.
„Am liebsten würde ich laut rausschreien, was du getan hast.“
Sie blickte ihn nur kurz in die Augen, um dann wieder das Leben draußen zu verfolgen. Markus sagte zwar noch etwas, doch sie hörte ihm nicht mehr zu.
Warum musste ausgerechnet ihr das passieren? Sie glaubte, in Markus einen Freund kennen gelernt zu haben, dem sie voll vertrauen konnte. Doch sie wurde enttäuscht. Nie hätte sie gedacht, dass er stehlen würde. Es schien ihm sogar Spaß gemacht zu haben. Doch genau das wollte ihr nicht in den Kopf. Sie hatte ihn immer für ehrlich gehalten. Er war zuvorkommend, half älteren Mitmenschen.
Doch nun wurde sie von der grausamen Realität eingeholt. Leer blickten ihre Augen in die Umgebung. Sie nahm kaum noch etwas wahr. Schon längst hatte der Bus Calw verlassen. Er war beinahe schon in Altburg angelangt.
„Hörst du mir überhaupt zu?“
Die Worte drangen in ihr Gehirn.
„Was hast du gesagt?“ fragte sie.
Ihr Kopf war wieder etwas klarer.
„Ich habe gesagt, ich verspreche dir, nie wieder zu stehlen.“
Markus sprach die Worte leise. Mit treuen Hundeaugen blickte er Anita an.
„Meinst du es auch wirklich ehrlich?“
„Ja, das meine ich. Verzeihst du mir noch einmal?“
„Das tue ich.“
Sie fiel ihrem Freund in die Arme und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Lange böse sein konnte sie ihm nicht, selbst nach dem, was er getan hatte. Doch ein Rest von Enttäuschung blieb in ihrem Herzen zurück. Dieser kleine Rest würde später der Auslöser für eine Tat sein, die sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht zugetraut hätte.
Zehn Minuten später hielt der Bus in Würzbach, ihrem Wohnort. Hier mussten sie aussteigen. Ein paar Tage später hatte Anita den Vorfall mit Markus fast schon wieder vergessen. Die letzten Abende hatte sie von einer Freundin Besuch bekommen. Die jungen Frauen hatten sich viele Neuigkeiten zu erzählen gehabt. Die Freundin war nur ein paar Tage geblieben. Sie wollte noch ihre Großeltern in Freiburg besuchen. Anita hatte dafür Verständnis. Den letzten gemeinsamen Abend ließ sie gerade noch einmal Revue passieren.
„Ist dieser Platz noch frei?“
Anita hatte aus dem Fenster gesehen und blickte sich nun verwirrt um.
„Hallo, Schatz. Ich dachte, du kommst heute gar nicht.“
„Es war auch ziemlich knapp. Mein Arbeitskollege hatte in Nagold noch etwas zu erledigen. Da ist es dann später geworden. Gerade aber noch rechtzeitig!“
Er hatte sich noch nicht gesetzt. Der Bus fuhr mit einem Ruck an. Markus verlor dadurch den Halt. Fast wäre er gestürzt. An der Kopflehne konnte er sich gerade noch festhalten.
Etwas fiel aus seiner Jacke. Anita konnte nicht erkennen, was es war. Mit einem Kleppern landete das Ding auf dem Boden zwischen den Sitzreihen. Sie bückte sich und suchte mit der rechten Hand den Boden ab. Fast sofort fand Anita es. Sie schloss die Finger darum und hob es auf: es war eine CD! Als sie die Scheibe sah, glaubte sie sofort, dass Markus sie wieder gestohlen hätte.
„Oh, nein!“
Die beiden Worte hatte ihr Freund ausgesprochen. Nun wusste es Anita genau. Er hatte wieder gestohlen! Wütend schleuderte sie ihm die CD entgegen. Markus konnte sie gerade noch vor seinem Bauch abfangen.
„Ich habe dir vertraut. Ich habe deinen Worten geglaubt. Doch du hast mein Vertrauen wieder missbraucht. Diesmal bist du zu weit gegangen.
„Ich...“
„Sag kein Wort mehr!“
Markus wollte sich neben Anita setzten. Doch das konnte sie in der Situation nicht zulassen.
„Verschwinde! Lass mich bloß in Ruhe!“
Verdutzt blieb der junge Mann stehen. Die anderen Fahrgäste schauten die zwei neugierig an.
In die Reihe hinter Anita setzte Markus sich hin. Er wagte es aber nicht, sie während der Fahrt nach Hause anzusprechen. Sie würde ihn nur anschreien. Er musste sich aber mit ihr aussprechen! Wie sollte er ihr nur erklären, was die Gründe für seine Diebstähle waren, welche Faszination davon ausging? Am Anfang hatte Markus gedacht, er hätte es unter Kontrolle. Doch das hatte nicht gestimmt. Eine unbekannte Macht hatte von ihm Besitz ergriffen. Es war inzwischen ein Zwang geworden, zu stehlen.
Für Anita schien eine Welt unterzugehen. Langsam zweifelte sie schon an sich selbst. Sie schien die Gabe, einen Menschen einschätzen zu können, verloren zu haben. Vielleicht hatte auch nur die Liebe zu Markus sie blind gemacht. Das sollte ihr aber nie wieder passieren. Mit Markus würde sie Schluss machen.
Die Landschaft lief wie ein Film an ihr vorüber. Es war etwas trübe. Den ganzen Tag schon standen Wolken am Himmel. Das Wetter passte genau zu Anitas Stimmung. In ihrem Innern war es trübe geworden. Nichts war mehr klar. Gedanken huschten vorüber. Manche standen seinen kurzen Augenblick klar an ihrem inneren Horizont und waren dann plötzlich wieder verschwunden. Sie wollte an die schönen Zeiten mit Markus denken, doch das konnte sie nicht. Wie ein Schleier hatten sich schwarze Wolken darüber gesenkt.
Sie begann leise zu weinen. Leere breitete sich in ihr aus. Eine Leere, wie sie sie zuvor noch nicht gekannt hatte.
Der Bus war in Würzbach angekommen.
„Willst du nicht aussteigen?“ fragte eine Stimme.
„Was?“
Die Realität hatte sie wieder. Im Gang neben ihrem Sitz stand Rolf. Ein Junge mit schwarzen Locken, der ebenfalls im Ort wohnte.
„Natürlich möchte ich aussteigen.“
„Sag mal, hast du geweint?“
„Das geht dich überhaupt nichts an. Verschwinde!“
Sie hatte die Worte hart ausgesprochen. Der Junge erschrak und sprang aus dem Bus.
„Hey, Rolfi“, schrie Anita hinter ihm her, als sie den Bus verlassen hatte, „ich habe es nicht so gemeint. Tut mir leid.“
Rolf, der schon ein Stück den Gehweg entlang gerannt war, blieb stehen und rief zurück:
„Ist schon vergessen. Tschüß“
Den Jungen mochte Anita. Er wohnte nur ein paar Häuser von ihr entfernt und spielte immer mit ihrer kleinen Schwester.
Anita ging um die Ecke. Da stand er.
„Hast du dich wieder etwas beruhigt?“ fragte Markus in ruhigem Ton.
Immer noch standen Gewitterwolken über Anita.
„Nein, das habe ich nicht!“
Sie brüllte die Worte. Sie musste jetzt einfach schreien. Der Hass, der in ihr war, musste raus.
„Himmel, glaub’ bloß nicht, dass deswegen die Welt untergeht.“
Markus stand unschlüssig das. Er wusste nicht, was er tun sollte. Langsam ging er auf Anita zu. Sie wich zurück.
„Du machst es dir einfach. Du klaust mal eben was und protzt damit auch noch rum. Du meinst, es ist cool. Doch das ist es nicht. Oh nein, Markus, das es ist es nicht, das ist es ganz und gar nicht! Das, was du getan hast, ist kriminell. Mit einem Kriminellen möchte ich aber nichts zu tun haben!“
Wieder kamen die Tränen. Denn in ihr war immer noch die Liebe. Das Feuer war nicht erloschen.
„Ich bitte dich.“
„Du hast mich belogen.“
„Warum sollte ich dich belügen?“
„Dein Arbeitskollege hatte überhaupt nichts in Nagold zu erledigen.“
Markus bekam ein mulmiges Gefühl im Magen.
„Es tut mir leid. Wirklich.“
Was sollte er sagen? Er wusste es nicht. Ihm war nur klar, dass er Anita nicht verloren wollte.
„Das ist alles, was du dazu zu sagen hast? Es tut dir leid? Du wirst es wieder tun. Immer und immer wieder. Das Feuer der Leidenschaft hat dich gepackt. Was wird das nächste sein – raubst du eine Bank aus?“
„Ich bitte dich, werde nicht albern.“
„Ich bin nicht albern!“ brüllte sie ihn an.
Die Tränen rannten über ihr Gesicht. Sie verbarg es hinter den Händen. Markus wollte Anita in die Arme nehmen, sie trösten. Doch sie wehrte sich. Sie stieß ihn mit ganzer Kraft von sich. Er torkelte zurück und stolperte.
Markus knickte mit dem Fuß am Bürgersteigrand um und fiel zu Boden. Er landete auf der Fahrbahn. Im gleichen Augenblick bog ein Auto um die Ecke.
Der Fahrer des Wagens erschrak. Vor ihm lag plötzlich ein Mann auf der Straße. Er trat voll auf die Bremse. Markus sah das Auto wie ein riesiges Ungeheuer auf sich zukommen und riss die Arme hoch. Anita erstarrte vor Schreck. Das Quietschen von Reifen hallte durch die Straße, gefolgt von einem Schrei. Dann war es still.
Anita löste sich aus der Erstarrung und rannte zu ihrem Freund. Das Auto war wenige Zentimeter vor ihm zum Stehen gekommen. Der Fahrer stieg aus.
"Ist dir etwas passiert? Bist du verletzt?“
Besorgt legte sie ihm einen Arm um die Schulter. Mit der anderen streichelte sie ihm übers Haar.
Der Mann kam auf sie zu. Sein Gesicht war bleich.
„Ich habe Sie erst im letzten Augenblick gesehen. Sind Sie in Ordnung?“
Aufgeregt hüpfte der Mann hin und her.
„Es geht schon. Mir ist nichts passiert“, sagte Markus mit dünner Stimme.
„Fehlt Ihnen wirklich nichts?“ wollte der Fahrer noch einmal wissen.
Er machte sich Vorwürfe, nicht vorsichtiger gefahren zu sein.
„Nein, wirklich, es ist alles in Ordnung. Sie können ruhig weiterfahren.“
Anita half ihrem Freund auf die Beine.
Der Mann war noch unschlüssig. Erst nachdem ihm auch die junge Frau gesagt hatte, er könne weiterfahren, stieg er in sein Auto und rollte davon.
„Es tut mir leid, dass ich dich gestoßen habe. Mein Gott, es hätte so viel passieren können. Du hättest schwer verletzt werden können. Aber ich war so wütend...“
„Schon vergessen. Verzeihst du mir auch noch einmal?“
„Ich weiß es nicht. Du hast mich schwer enttäuscht.“
Eine Frau, die das Quietschen gehört und schnell nachgesehen hatte, was passiert war, lauschte nun dem Gespräch des jungen Pärchens.
Arm in Arm gingen sie an der Frau vorüber, die hinter dem Gartentor stand.
„Na, alles mitbekommen? Da haben sie ja wieder einmal was zu tratschen!“ machte Markus die Frau an.
Mit rot anlaufendem Gesicht verzog sich die Frau ins Haus.
„Das war nicht fair.“
„Die Leute sind zu neugierig.“
Plötzlich schien zwischen den beiden die Welt wieder in Ordnung zu sein.
„Hey – du klingst, als hättest du mir vergeben.“
„Das habe ich.“
Bestätigend zu ihren Worten hatte Anita mit dem Kopf genickt.
„Ich werde dich nicht noch einmal enttäuschen.“
„Das hoffe ich. Solltest du es noch einmal tun, ist es zwischen uns aus. Für immer.“
Der drohende Unterton in Anitas Stimme blieb Markus nicht unbemerkt.
Das Wochenende lag wieder einmal hinter ihnen. Den Montag brachte Anita auch gut hinter sich. Da es zur Zeit nicht viel Arbeit im Büro gab, konnte sie gemütlich mir ihren Arbeitkolleginnen plaudern. So ging der Tag recht schnell vorüber. Außerdem konnte sie schon etwas vor Feierabend gehen. Diese Zeit wollte sie für ihre Einkäufe nutzen. Im Drogeriemarkt wollte Anita noch einen neuen Lippenstift besorgen.
Die Auswahl war groß. Doch schon nach kurzer Zeit hatte sie einen gefunden, dessen Farbe ihr gefiel. Da ihr Bus noch nicht so schnell kommen würde, wollte sie sich noch nach einer neuen Schallplatte umsehen. Die letzte hatte sie sich vor zwei Monaten gekauft.
Sie wanderte zwischen den Regalen entlang auf die Plattenabteilung zu. Diese lag etwas abgetrennt vom übrigen Verkaufsraum im hinteren Teil des Geschäftes. Rechts standen die Regale mit den Schallplatten. Geradeaus, etwas tiefer gelegen, war die Abteilung mit den CD’s.
Dort entdeckte sie ihren Freund. Er konnte sie nicht sehen, denn er stand mit dem Rücken zu ihr. Sie wollte schon hingehen; doch dann überlegte sie es sich anders. Sie beobachtete ihn. Nach ein paar Minuten kam er mit zwei leeren CD-Hüllen aus der Abteilung.
Anita bückte sich schnell hinter einem Regal auf den Boden. So konnte Markus sie nicht entdecken. Vorsichtig sah sie über das Regal.
An der Ausgabe ließ sich Markus die beiden Scheiben aushändigen, bedankte sich dafür und ging. Er wandte sich nicht der Kasse zu, sondern nach links. Er verschwand aus Anitas Blickfeld. Sie schlich zur Ecke des Regals und peilte dahinter hervor. Sie sah, wie Markus eine CD in seiner Jacke verschwinden ließ.
Anita bekam große Augen. Also doch, er klaut noch immer! Zweimal hatte sie ihm verziehen. Doch ein drittes Mal würde sie es nicht tun. Er missbrauchte ihr Vertrauen am laufenden Band. Dieses Mal sollte er für seine Tat büßen. Bestimmt würde er wieder mit einer Dose Creme ankommen. Anita eilte zur Kasse. Eine Dame hatte bezahlt und ging.
Die Kassiererin wartete auf neue Kunden. Anita sprach hastig auf die Frau ein:
„Hören Sie zu, da kommt gleich ein großer junger Mann mit blonden Haaren. Er trägt eine Jeansjacke und Jeans.“
Die Frau schien das wenig zu interessieren.
„Ja und?“
„Er versteckt in seiner Jacke eine CD. Er will sie stehlen.“
Jetzt wurde die Frau hellhörig.
„Das ist ganz sicher“ vergewisserte sie sich.
„Ich hab’ mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er eine CD in der Jacke verschwinden ließ.“
„Okay, den werde ich mir vorknöpfen. Darauf kannst du dich verlassen.“
Die korpulente Frau sprach mehr mit sich selbst als zu Anita.
„Danke.“
Gerade wollte Anita gehen, da ertönte hinter ihr die Stimme von Markus:
„Anita – du bist auch hier? Warte ich zahle nur schnell, dann können wir gemeinsam zur Bushaltestelle gehen.“
Er legte eine CD und eine Dose Creme auf das Laufband und holte seine Brieftasche aus der Hosentasche.
„Würden sie bitte ihre Jacke öffnen“, forderte ihn die Kassiererin in freundlichem Ton auf.
„Wie bitte?“
Markus tat so, als hätte er sich verhört.
„Sie haben gut verstanden. Oder soll ich es für Sie machen?“
„Warum sollte ich?“
Markus machte Anstalten, seine Jacke zu öffnen. Ein Kunde wurde aufmerksam. Er sah zur Kasse herüber.
„Na los, wird es bald?“
Die Frau hinter der Kasse stand auf. Markus tat, was ihm befohlen worden war. Die Compact Disc fiel zu Boden und die Hülle zersprang beim Aufprall.
„So, da haben wir einen, der stehlen wollte!“
„Ich...“
Er wandte sich Hilfe suchend um.
Ein nach Hilfe flehender Blick traf Anita. Ihr Gesicht verfinsterte sich. Sie trat auf Markus zu.
„Anita, ich...“
„Sag jetzt besser nichts, du Dieb. Ich habe dir zweimal vergeben.“
Jetzt wurde sie laut. Die Frau hinter der Kasse hörte aufmerksam zu.
„Weiß Gott, ob du es nicht schon öfters getan hast.“
Markus sah ihr nicht mehr in die Augen, sondern starrte zu Boden. Jetzt schrie Anita:
„Ich hasse dich dafür. Du hast mich immer wieder hintergangen und mein Vertrauen missbraucht. Das konnte ich nicht länger zulassen. Deshalb habe ich dich verraten.“ Sie verstummte und fing an zu weinen. Er sah sie wieder an.
„Du hast mich verraten? Ich kann es nicht glauben!“
„Glaube es ruhig.“
Einige Menschen hatten sich angesammelt und beobachteten das Geschehen. Der Geschäftsführer bahnte sich einen Weg durch die Masse, die immer näher herandrängte. Immer noch fassungslos schaute Markus Anita an.
„Wie konntest du nur“ Ich dachte, du liebst mich.“
„Das tue ich auch, immer noch. Steh zu deinen Fehlern und trage die Konsequenzen. Nur so kannst du unsere Beziehung vielleicht noch retten.“
Sie wandte sich ab und ging zur Tür. Die Worte des Geschäftsführer nahm Markus nicht wahr. Er schaute durch die Scheibe seiner Freundin nach. In dem Augenblick wusste er, wie viel sie ihm doch bedeutete.
Anita war sich nicht sicher, ob sie das Richtige getan hatte. Mit unsicheren Schritten ging sie die Straße entlang. Tränen rollten über ihre Wangen. Die Leere war wiedergekommen.
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