Sonntag, 24. März 2013
26. Kapitel

Es war an der Zeit aufzubrechen. Anita hatte ein flaues Gefühl im Magen nach fast sechs Wochen wieder zur Arbeit zu gehen. Ihre Mutter sprach ihr für den Tag aber Mut zu. Schließlich wäre sie nicht die Erste, die nach langer Krankheit wieder zu arbeiten beginne. Das brachte Anita aber wenig. Sie machte sich ihre eigenen Gedanken.
Wie würden ihre Kollegen reagieren? Was würden sie fragen? Fühlte sie sich der Situation gewachsen? Diese Gedanken kreisten in ihrem Kopf während der Fahrt nach Calw. Der Übergriff von Markus hatte sie aus der Bahn geworfen und ihr die Selbstsicherheit genommen. Die Musik aus dem Radio nahm sie überhaupt nicht wahr.
Am Freitag hatte sie angerufen und gesagt, dass sie heute wieder käme. Ihr Chef hatte weiter dazu nichts gesagt und meinte nur, dass es in Ordnung ginge.
Sie stellte ihr Auto auf ihrem Stammparkplatz vor der Firma ab. Noch einmal atmete sie tief durch, stieg aus und ging ins Gebäude. Damit sie wenigstens nach außen hin souverän wirkte hatte Anita ihre Lieblingsjeans und einen ihrer besten Pullover angezogen. Darüber trug sie eine Lederjacke. Ihr Puls schnellte nach oben als sie durch die Tür trat.
Jedoch wurde sie freundlich von ihren Arbeitskollegen begrüßt. Es gab keine schiefen Blicke oder peinliche Fragen die ihr gestellt wurden. Erleichterung machte sich bei ihr breit. Ihre direkte Kollegin empfing sie sogar mit einer Umarmung.
„Guten Morgen, Anita. Ist ja toll, dass du endlich wieder da bist. Wir haben dich schon unheimlich vermisst.“
„Das ist lieb von dir, Sandra“, entgegnete Anita, die sich nun ihrem Schreibtisch zuwandte, „Jetzt muss ich mich erst einmal wieder in den Ablauf einfinden“.
„Das wird schon. Nachher bringe ich dich auf den laufenden Stand. Aber zunächst einmal…“
Wie auf Kommando erschienen ihre anderen Kollegen unter der Tür. Joachim, der für die Lohnbuchhaltung zuständig war, hatte einen Geschenkkorb in der Hand. Diesen überreichte er Anita, die vollkommen überrascht war. Verdutzt nahm sie den Korb entgegen.
„Ihr seid allesamt verrückt. Vielen Dank.“
„Das bist du uns wert“, meinte Joachim und streichelte ihr kurz über den Unterarm, zog seine Hand aber sofort zurück, da Anita leicht zusammen zuckte.
Trotzdem lächelte sie Joachim an. Nach und nach ging jeder wieder an seine Arbeit. Kurze Zeit später bat ihr Chef sie zu sich. Er hatte mit seiner Mitarbeiterin ein paar Dinge zu besprechen. Zunächst bedauerte er was vorgefallen war und wünschte ihr für die private Zukunft das Beste. Er konnte den Vorfall nicht nachvollziehen und suchte manchmal fast verzweifelt nach den richtigen Worten. Das machte ihn nur menschlicher und Anita, die nach dem kurzen Telefongespräch vom Freitag nicht wusste was ihr Chef dachte und wie er reagieren würde, war froh darüber.
Sie sprachen dann über den Arbeitsablauf. Dann meinte er, falls es Anita zuviel mit der Arbeit werden sollte, könne sie jederzeit nach Hause gehen.
Das hatte sie nun gar nicht von ihrem Boss erwartet und sagte, dass sie nach Möglichkeit von dem Angebot nicht Gebrauch mache wolle. Sie hoffte, dass sie die Arbeit gut bewältigen würde. Das gefiel ihm und lobte sie noch als sehr zuverlässige Mitarbeiterin. Mit einem guten Gefühl im Bauch verließ Anita das Büro von ihrem Chef.
Es dauerte einige Tage bis sie wieder routiniert die Arbeit bei der Spedition bewältigte und alle liegen gebliebenen Fälle aufgearbeitet hatte. Sandra konnte das Meiste erledigen, doch ein paar Sachen waren liegen geblieben.

In ihrer Freizeit traf sie sich meist mit Elke und unternahm Ausflüge mit ihr. Oft aber machten die beiden Frauen nur kurze Spaziergänge. Es wurde tagsüber nicht mehr richtig warm. Der Winter schien in diesem Jahr sehr früh zu kommen. Auch hatte sie sich mit Tina zum Kaffee getroffen, wie es sich die beiden Frauen vorgenommen hatten. Der Krankenschwester gefiel es wie gut Anita sich wieder fühlte und wie toll sie aussah. Das war auch kein Wunder, hatte Anita doch einige Kilos verloren und trug ihr Haar wieder etwas länger. Sie erzählten beide von ihrer Arbeit und Tina hatte einige Anekdoten zu berichten, die Anita zum Lachen brachten.
Vor kurzem hatte Elke einen jungen Mann kennen gelernt. Sie mochte ihr gut leiden - aber es war keine Liebe. Nach der Enttäuschung, die sie in Freiburg erlebt hatte, war sie in Beziehungsfragen vorsichtig geworden. Sie hatte sich fest vorgenommen sich nicht mehr so schnell zu verlieben und wollte auch das Leben als Single wieder einmal genießen.
Von Daniel erfuhr sie einiges über Markus. Er kannte ihn durch seine Arbeit. Er berichtete Elke Schockierendes über ihn. Vieles hätte sie vermutet, das jedoch nicht. Ihrer Freundin musste sie davon berichten. Bei ihrem nächsten Treffen tat sie das auch.

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